Dieses Wochenende steht im Zeichen einer großen Feier über zwei Tage. Die endless nights, von der Volkswagen Bank veranstaltet findet seit zwei Jahren statt und lockt mehr oder weniger alles im Umkreis von 50 Kilometer in eine riesige Halle in der tagesbedingt miese bzw. echt miese Musik gespielt wird. Den Anfang machte dieses Jahr der „Hot Beat“ Abend:
Mit Charts, Black Music, Partyhits, Dance und House werden DJ Stevie T. und DJ Planet von Radio 89.0 RTL die 13.000 qm große ÑLokhalle Borsigstraßeì in eine riesige Partyzone verwandeln.
Meine Aufgabe bestand am gestrigen Abend und wird an diesem Abend daraus bestehen mit einem Haufen Fragebögen die Menschen zu ihrem Partyverhalten zu befragen und ihnen immer und immer und…immer wieder einzubläuen wem sie diesem Abend zu verdanken haben! Initiator der Umfrage ist Lorenz, ein Student der an seiner Diplomarbeit sitzt und anschließend ca 15000 Fragebögen auswerten muss. Ein grundnetter Typ, der sich hinreißend um uns gekümmert hat!
Kaum sind wir aus dem Besprechungsraum raus, werden wir von den Gästen zuerst geschnitten. Auf solchen Veranstaltungen werden grundsätzlich diejenigen geschnitten, die mit einem Block, Stift und unglaublich hässlichem Einheitsshirts, in wahlweise gelb oder rot, bewaffnet sind. Als jedoch der erste Cocktailgutschein mit einem Lächeln überreicht wird, als Dank für die verschwendete aufgebrachte Zeit, können sich die größteils sturzbesoffenen Gäste kaum halten. Die angesetzten drei Stunden, die wir zur Ausfüllung der achtzehn Bögen bekommen hatten, stellten sich als Farce heraus, als ich nach knapp dreißig Minuten die hälfte der Bögen ausgefüllt abheftete. Es musste eine Pause her, denn immerhin wurde/werde ich ja nach Stunden bezahlt. Also ab zur Theke und einer meiner beiden Getränkegutscheine eingelöst. Neben mir standen zwei etwa sechzehn Jahre alten Girlies und stritten sich händchenhaltend um einen Cocktail, als sie mich bemerkten.
„Hey, machst du auch diese Umfrage? Willst du mich nicht auch befragen? Meine Freundin will mir nichts abgeben. Ich hätte doch auch so gern ein Cocktail!“
„Süße… Bist du überhaupt alt genug, für so etwas? Hm?“
„Ich kann dir gerne mal zeigen wie alt genug ich bin… Süßer!“
Nee, ich verzichte. Komme gerade aus dem Knast und habe ehrlich gesagt wirklich garkeine Lust mehr auf seifenloses Duschen, wenn du weißt was ich meine!“
„Na komm. Ich erzähl auch keinem was!“
„HEY! Ich habe eine Freundin!“
„Ich meinte die Umfrage, du alter Sack!“
So etwas nehme ich natürlich persönlich und lasse das picklige Stück zurück, auf der Suche nach den nächsten grenzdebilen Ravern, denen ich ein paar Minuten stehlen kann.
Zwei Mädchen fallen mir positiv auf und ich geselle mich zu ihnen.
„Hi. Wer von euch beiden Hübschen hat Bock auf ’nen Cocktail?“
„Was willst du denn, Spacken?“
„Hör mal, ich hab hier ’nen Haufen Gutscheine, die ich dringend loswerden muss. Bedingung: Ihr müsst mir ein paar Minuten eurer Zeit schenken und eine kleine Umfrage mitmachen.“
„Warum sagst du das nicht gleich?“
Sie rücken näher ran und beantworten brav die Fragen, um daraufhin mit weit aufgerissenen Augen die Gutscheine an sich zu krallen und an der Theke eins dieser grässlich wässrigen Cocktails zu ziehen.
Ich höre Gebrüll hinter mir und eine Gruppe geistesgestörte Raver anfang zwanzig stürmen auf mich zu. Einer ist ein halber Kopf größer und ein halber Kleinwagen breiter als ich und kommt gleich zur Sache.
„Ey, du machst doch ’ne Umfrage, oder? Also, erst ich, dann sie und dann er.“
Er zeigt auf seine Freunde und ich wage kaum mich zu bewegen, als ich sehe, was für ein Haufen Muskeln sich unter dem viel zu engen FILA Pulli abzeichnen. Die aufgebrezelte Tussi, mit dem viel zu engen Zopf neben ihm, stellt sich neben mich und reibt sich unauffällig an meinem Bein, als ich ihm die Fragen stelle. Ein Schweißtropfen läuft mir ins Auge und ich spüre, dass er meine Angst riecht. Als das kleine Miststück mir beherzt an den Hintern greift, schreie ich laut auf und sehe mein Leben an meinem inneren Auge vorbeiziehen, als der Gorilla mich fragt, ob mir seine Freundin gefallen würde.
Jeder der in so einer Situation weiß, dass jede Antwort nun die Falsche ist, also lenke ich ab und fange mit dem nächsten Fragebogen an, um die Sache schnell hinter mich zu bringen.
Ein fleischiger Haufen Raver, die zu einer Masse aus FUBU, FILA, Reebok und Adidas Pullover verschmolzen sind, räkelt sich auf der Tanzfläche. Ich habe noch zwei Fragebögen/Cocktailgutscheine und stelle erschreckt fest, wie meine Füße rythmisch zu dem „Beat“ tippen. Nach knapp einer Stunde, in der ich mehr Elend auf dieser Veranstaltung gesprochen habe, als auf sämtlichen anderen Veranstaltungen, auf denen ich ausgeholfen habe, lehne ich mich zurück und „interviewe“ eine Gruppe mittzwanziger, die eigentlich nur wegen des Essens hier sind. Auf der Bühne hüpfen die Gogos um die Wette und hinter mir streiten sich zwei Mädchen um einen Cocktail. Insgeheim gefällt mir die Szenerie. Ich nehme mir vor niemandem davon zu erzählen. Wie sieht das denn aus…?
In knapp fünf Stunden stehe ich wieder in meinem gelben „endless nights“ Shirt in der Cocktailbar-Area und befrage die Gäste des „Perfect Beat“ Abends. Und nach Feierabend werde ich mich unter die Meute mischen und am eignen Leib testen wie es ist, den Verstand abzustellen und zu Musik zu wipen, dem ich nichteinmal meinem ärgsten Feind antun würde…