Der Prediger

Der Prediger von Braunschweig„Die Katastrophe ist eure sexy Hosenkleidung der Hölle!“ tönt es vor dem Citypoint in Braunschweig.
Es ist Samstag mittag und wie jeden Samstag hat sich eine Menge um Braunschweig’s Prediger versammelt, der weltuntergangsstimmig über Homosexuelle, die Kirche und die „Huren aus der Unterwelt in Miss Sixty Hosen“ herzieht. Schweigend steht seine Frau neben ihm und wackelt zustimmend mit dem Kopf, während Gottes Abgesandter sich weiter in Rage redet.

„Die Kirche…
Die Kirche toleriert die homosexuelle Gefahr! Die Kirche beherbergt die Homosexuellen und unter den Kirchenmännern finden sich immer mehr und mehr Homosexuelle. Es ist eine Sünde! Eine unfassbare Sünde!“

Die Menge johlt und grölt, feiert den Mann und eine kleine La Ola Welle entsteht neben dem Billigbäcker. Inzwischen habe ich mein Handy auf „Aufnahme“ gestellt und stelle mich neben ihm, um ja alles aufnehmen zu können. Er schaut mich an und fragt schreit „Ich sage dir was. Ich sage euch: Ihr seit die Verdammten! Ja, nimm es ruhig auf, höre es dir immer und immer wieder an! IHR SEIT DIE VERDAMMTEN!“
Woher er weiß, dass ich ihn aufnehme, bleibt mir ein Rätsel und ich trete ein paar Schritte zurück, nicht ohne den Kopf zu heben und den Himmel nach dem Zorn Gottes abzusuchen. Ein klein wenig verspüre ich auch ein schlechtes Gewissen, lasse aber die Aufnahme weiter laufen, um ja nichts zu verpassen. Irgendwo bin ich da auch gern Schaulustiger.

Eine mittelalte Frau stellt sich neben dem Prediger, hebt die Hand und begrüßt ihn.
„Hi, Schatz! Na, hast deine Frau wieder dabei, ja? Jaaaa… Immer schön mit dem Köpfchen wackeln, ne?“
Die Frau wackelt, wie auf ihren Befehl hin, mit dem Kopf, während der Prediger mit den Armen weit ausholt und verkündet: „SCHATZ! Ja, eure Schätze befinden sich nur in euren Hosen! Schon mit vierzehn Jahren habt ihr Geschlechtsverkehr und im Jahre 2012 werden es schon zehnjährige sein, die Geschlechtsverkehr haben werden!“
Eine Stimme aus dem Hintergrund: „Jaja, früh übt sich!“
„FR‹H ‹BT SICH, sagt ihr? Ja, früh übt sich auch die Homosexualität. Es werden immer mehr Homosexuelle und wenn der Schröder nicht so langsam die Arbeitslosenzahlen in den Griff kriegen wird, werden es immer mehr werden. Inzwischen sind wir bei 4.000.000 Arbeitslosen. Im Jahre 2008 werden es über 8.000.000 Arbeitslose sein. Und je mehr Arbeitslose wir haben, desto mehr Homosexuelle werden es. Oder andersherum: Je mehr Homosexuelle wir haben, desto mehr Arbeitslose haben wir. Oder andersherum: Je mehr…“
Er wartet und lässt die letzten Worte einfach ausblenden, um neu auszuholen, als ein Jugendlicher an ihm vorbeigeht und in die Menge winkt, als wäre er ausversehen durch das Set eines Films gelaufen. Ein klein wenig verlegen wirkt er, als die Menge anfängt zu lachen und der Prediger wieder in Rage kommt: „Die Jugend. DIE JUGEND VON HEUTE hat keinen Respekt mehr…verdient. Sie haben Sex, sie tragen ihre Geschlechtsteile zur Schau und klauen bei Karstadt. 40.000 Menschen bangen um ihre Arbeitsplätze, bei Karstadt. Wer von euch hat denn heute seinen täglichen Klau bei Karstadt begangen? Wer hat in einer seiner Tüten einen Arbeitsplatz verstaut? Wer von euch hat nicht…“
Er verliert erneut den Faden, dreht sich zu seiner Frau, die blitzschnell mit dem Nicken anfängt und erstmal garnicht aufhören mag.

Der Prediger prangert unsere Konsumgeilheit an, er wiederholt immer und immer wieder die Worte „IHR VERDAMMTEN!“ und sagt uns eine düstere Zukunft voraus. Seine wenigen Zähne, die er noch hat, blitzen in der Sonne in einem Gelb/Braun und die Menschen amüsieren sich köstlich.

Bisher wurde ich imemr wieder von der Kleinen weitergezerrt, als ich mich zu der Menge stellen wollte. Ich hatte nie mitbekommen, mit was für Themen er die Menschen unterhält, wie er sich in rage reden kann und dass er auch ab und an mal lächelt!
An diesem Samstag hat die Kleine aber G. zum Schuhe einkaufen animiert (wer hat eigentlich w en animiert?) und ich nehme mir die Zeit den Prediger zuzuhören. Faschistisch, bitterböse, Frauen verachtend, zynisch. Irgendwann frage ich mich dennoch, wer eigentlich die interessantere Freakshow ist. Der Prediger, oder die Masse an Schaulustigen, die sich um ihn versammelt haben und immer mehr werden. Ich kriege ein ungutes Gefühl. G. und die Kleine schauen mich entnervt an, als sie aus dem Schuhladen herausgekommen sind und fragen, ob ich nun fertig sei. Stolz hebe ich mein Handy hoch und spiele ihnen auf dem Weg zum nächsten Schuhladen meine „Beute“ vor. Mit jedem Wort senkt sich meine Laune und ich komme mir ein wenig schäbig vor. Ich war Teil einer Show. Ich habe in einer Menge Menschen gestanden, die nichts besseres zu tun hatten, als jemanden auszulachen, anzufeuern, der sich dermaßen lächerlich gemacht hat. Aber im Nachhinein frage ich mich, wer die schlimmere geistige Störung hat.

ich meide nun die Innenstadt, am Samstag.

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