Einsteins Dreams

Einstein's Dreams

Nachdem ich Stunden damit verbracht habe, Andreas Liss‘ Illustrationen zu betrachten, die er zum Buch „Einstein’s Dreams gemacht hat, habe ich mich schließlich entschlossen das Buch zu kaufen.

Das Buch setzt sich aus diversen Kurzgeschichten um das Thema Zeit zusammen. Phantastisch, philosophisch, real, fiktiv…
Die Geschichten sind genauso lang, wie ich für eine Zigarette brauche, was das Rauchen auf dem Balkon ein wenig angenehmer macht! Aber was ist schon Zeit?
Hier ein kleiner Auszug:


24. APRIL 1905

In dieser Welt gibt es zwei Zeiten. Die mechanische Zeit und die Körperzeit. Die erste ist so starr und metallisch wie ein massives Pendel, das hin- und herschwingt, hin und her, hin und her. Die zweite windet sich und zappelt wie ein Thunfisch in einer Bucht. Die erste ist unbeugsam, vorherbestimmt. Die zweite entschließt sich von Fall zu Fall

Viele sind überzeugt, dass es die mechanische Zeit nicht gibt. Wenn sie an der riesigen Uhr in der Kramgasse vorbeikommen, sehen sie sie nicht und sie hören auch nicht ihre Glocken, während sie in der Postgasse Pakete aufgeben oder zwischen den Blumen im Rosengarten umherschlendern. Sie tragen eine Uhr am Handgelenk, aber nur als Zierde oder aus Gefälligkeit jenen gegenüber, die sie verschenken. Bei sich Zuhause haben sie keine Uhr. Statt dessen hören sie auf ihren Herzschlag. Sie spüren die Rythmen ihrer Stimmungen und Begierden. Solche Menschen essen, wenn sie Hunger haben, gehen zu ihrer Arbeit im Modewarengeschäft oder in der Drogerie, wenn sie wach werden, gehen zu jeder Tageszeit mit dem oder der Geliebten ins Bett. Solche Menschen lachen über die Idee der mechanischen Zeit. Sie wissen, dass die Zeit rückweise voranschreitet. Sie wissen, dass sie mit schwerer Bürde vorwärtskämpft, wenn sie mit einem verletzten Kind ins Spital eilen oder den starren Blick eines Nachbarn ertragen müssen, dem sie Unrecht getan haben. Und sie wissen auch, dass die Zeit dahinhuscht, wenn sie mit Freunden bei einem guten Essen sitzen, wenn sie gelobt werden oder in den Armen ihrer heimlichen Geliebten liegen.

Und dann gibt es jene, die meinen ihr Körper existiert nicht. Sie leben nach der mechanischen Zeit. Morgens um sieben Uhr stehen sie auf. Um zwölf nehmen sie ihr Mittagessen, um sechs Uhr Abendessen ein. Zu ihren Verabredungen kommen sie pünktlich, auf die Minute genau. Für die Liebe ist die Zeit zwischen acht und zehn Uhr abens vorgesehen. Sie arbeiten vierzig Stunden die Wpche, lesen die Sonntagszeitung am Sonntag und spielen am Dienstagabend Schach. Wenn ihr Magen knurrt, blicken sie auf die Uhr, um zu sehen, ob Essenszeit ist. Wenn sie sich in einem Konzert zu verlieren beginnen, schauen sie auf die Uhr über der Bühne, um zu sehen, wann es Zeit sein wird heimzugehen. Sie wissen, dass der Körper nichts ganz Wunderbares ist, sondern eine Ansammlung von chemischen Substanzen, Gewebeteilen und Nervenimpulsen. Gedanken sind nichts anderes als elektrische Wellen im Gehirn. Sexuelle Erregung ist nichts anderes als ein Strom chemischer Substanzen zu bestimmten Nervenenden. Traurigkeit nur ein bisschen Säure, die sich im Kleinhirn festgesetzt hat. Kurz, der Körper ist eine Maschine, die denselben Gesetzen von Elektrizität und Mechanik unterliegt wie ein Elektron oder eine Uhr. Insofern muss man über den Körper in der Sprache der Physik sprechen. Und wenn der Körper spricht, dann sprechen eben nur bestimmete Hebel und Kräfte. Dem Körper muss man befehlen, nicht gehorchen.

Wer abends an der Aare entlanggeht, findet Beweise für zwei Welten in einer. Ein Bootsmann bestimmt seine Position bei Dunkelheit in der Weise, dass er Sekunden zählt, die er im Wasser treibt. „Eins, drei Meter. Zwei, sechs Meter, Drei, neun Meter.“ In klaren, bestimmten Silben durchschneidet siene Stimme das Dunkel. Unter einem Laternenpfahl auf der Nydeggbrücke stehen zwei Brüder, die einander ein Jahr lang nicht gesehen haben und trinken und lacjen. Vom Münsterturm erklingt die Glocke zehnmal. Innerhalb von Sekunden erlöschen die Lichter in den Wohnungen an der Schilaube, in einer völlig mechanischen Reaktion, wie die Ableitungen der euklidischen Geometrie. Zwei Liebende, die am Ufer liegen, blicken träge auf, von den fernen Kirchenglocken aus einem zeitlosen Schlaf gerissen, erstaunt, dass es bereits dunkel ist.

Wo die beiden Zeiten zusammenstoßen, Verzweiflung. Wo sie getrennte Wege gehen, Zufriedenheit. Denn ein Rechtsanwalt, eine Krankenschwester, ein Bäcker können wundersamerweise in jeder der Zeiten eine Welt ausmachen, nicht aber in beiden Zeiten. Jede Zeit ist wahr, aber die Wahrheiten sind nicht dieselben.

Alan Lightman
Und immer wieder die Zeit – Einsteins Dreams
Vom Heyne Verlag
ISBN 3-453-14403-1

2 Antworten auf „Einsteins Dreams“

  1. hat mich nicht so übrzeugt. zu kühl, zu distanziert, ohne warmes herzblut, welches man beim lesen in seinen adern spührt wie es im takt der silben pulsiert und sauerstoff in die zellen pumpt um die energien zu liefern um großartige ideen zu haben, jemanden verletzen zu können, oder die omnipotente liebe zu verschenken.

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