21.1.2005 /
Spiegelwelt / Dominic
„Glauben Sie an Gott?“
„Ich glaube an irgendetwas – ist das Gott?“
„Ich möchte Ihnen was geben!“
Der alte Mann hält 100000 Flyer in der Hand und möchte mir scheinbar christlich den Hintern damit abwischen… Er sieht nett aus. Zwar fehlen ihm ein paar Zähne, gerade die wichtigen vorne im Bereich der Schneidezähne, aber er ist sehr ordentlich gekleidet und wirkt sympathisch.
„ƒh…, nein ich will lieber nicht,“ sagte ich.
„Oooh, ich bin kein Zeuge Jehovas oder Mitglied einer anderen Sekte! Ich bin evangelisch. Gehen Sie in die Kirche?“ wollte er von mir wissen. – Für einen kurzen Augenblick hatte ich wirklich Angst.
„Nein, das ist nichts für mich. Wer glaubt, braucht nicht zwangsläufig in die Kirche zu gehen.“
„Aber die Kriche ist guuuut, dort findet man Gott! Sind sie katholisch oder evanglisch?“
„Ich bin katholisch!“
„Sind sie denn glücklich als Katholik?“
„Was meinen Sie? Ich bin glücklich als Mensch. Ich brauche keine Religion in dem Sinne.“
„Sehen Sie!“ Der alte, zahnlose aber sympathisch wirkende Mann erzählte mir viel schlechtes über den katholischen Glauben und berichtete mir von all den Vorteilen der evangelischen Kirche. Ich fühlte mich wie der Gast in einer Verkaufssendung, dem die Vorzüge eines viel zu teuren Staubsaugers […] eingetrichtert wuden. Seine abschließenden Worte lauteten: „Die katholischen Kirchen sind alle leer, wissen Sie, aber in der evangelischen Kirche halten alle zusammen und alle sind glücklich!“
„Mir wäre es lieber, wenn alle Mensch, ganz gleich welche Konfession, zusammenhalten würden!“ betonte ich voller ‹berzeugung.
„Das ist richtig, aber wir brauchen Gott! Er führt uns durch’s Leeeben!“
„Ich denke jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich.“
„Ja, das ist richtig, aber…“
Wir unterhielten uns ein paar Minuten, über Gott und die Welt, wie es so schön heißt, doch konnte ich ihn von seiner Verblendung nicht erlösen. Er schien begeistert von mir zu sein: „Sie könnten Straßenprediger werden und den Menschen Gott näher bringen.“ Aber das wollte ich doch nicht!
Ich glaube ich habe ihn meinen Standpunkt nicht deutlich genug offenbart, denn kurz darauf hielt ich fast die Hälfte seiner Zettelchen in meiner Hand. Eine zahlreiche Ansammlung extrem-christlicher Schriften. Hier ein kleiner Auszug:
- „Gott ist bei uns“ (vermutlich ein Handbuch für den frommen Christen)
- „Die letzten Worte bekannter Männer“
- „Rauchen tötet Menschen“
- „Die Wahrheit der Evangelien“ (die gesamte Wahrheit auf einem Din-A6 Zettel – beeindruckend!)
- „Die Wahrheit über Homosexualität“ (eine extrem negative Verschriftlichung über Homosexualität)
Jeder Mensch glaubt, und wenn es auch an seinen Nächsten ist (Vater, Mutter, Freunde etc.). Glauben ist gut, wenn man keinen Schaden dadurch verursacht.
Es war irgendwie unterhaltsam, wie der alte Herr versuchte mich durch „Gottes Hand“ zu erreichen. Er kann vielleicht die ein oder andere Diskussion in Gang treiben (mir war gerade danach), aber er wird wohl kaum auf offene Ohren stoßen, außer auf die von Gleichgesinnten. In diesem Sinne: Glaube dem Leben; es lehrt besser als Redner und Buch. (Willhelm Busch)