Lu hat mich darauf gebracht in Erinnerungen zu schwelgen.
Ich war sechzehn und hatte seit wenigen Monaten meine erste, richtige Freundin. Es muss sogar exakt zehn Jahre her sein, wenn ich so recht überlege. Eine Woche Skifreizeit in ÷sterreich stand uns bevor und wir sollten von einer Klasse aus Münster abgeholt werden. Das Erste, das wir von Anja sahen, war der sagenhafte Hintern. Der Doppeldeckerbus fuhr vor und Anja beugte sich gerade zu jemanden über. Zwei Klassenkameraden und ich standen gebannt vor dem Bus und starrten auf Anja’s bestes Stück. Kaum stiegen wir ein, wurden auch schon die ersten Pläne geschmiedet. Von nicht vorhandenem Selbstbewusstsein und einer zwei Jahre jüngeren Freundin (die mich zu dem Zeitpunkt schon das erste mal betrogen hatte, wie ich später erfuhr) geplagt, setzte ich mir die Walkmankopfhörer auf und schlummerte vor mich hin, kaum ein Gedanken mehr an diesen sagenhaften Hintern verschwendend…
Am zweiten Abend sind wir ins Gespräch gekommen. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich genoss die neidvollen Blicke der anderen Jungs. An den nächsten Tagen hingen wir zusammen ab (so nannte man das damals, in den 90ern, liebe Kinder!) und redeten über Gott und die Welt. Ich war so erstaunt, dass man das mit einem Mädchen konnte. Meine Gedanken blieben dennoch züchtig bei Sabrina.
So kam es, dass wir zusammen frühstückten, zusammen zu Mittag aßen und abends umher spazierten. Eine filmreife Szenerie, als sie eine Schneeballschlacht anfing und wir diesen kleinen Hügel herunter rollten und im Schnee liegen blieben. Nervös kaute ich an meine Unterlippe, während Anja anscheinend die Situation unter Kontrolle hatte. So lagen wir da und starrten gespannt in die Sterne. Klassisch zeigte ich ihr alle drei Sternzeichen die ich kannte: großer Wagen, kleiner Wagen, komische Schlange, die aussieht als würde sie kotzen (zugegeben, die hatte ich erfunden. Kam aber gut an.). Und dafür zeigte sie mir den Oriongürtel…
Die Tage vergingen im Flug. Ich fuhr sogar den ganzen Weg vom Tal, auf die Spitze, um ihre vergessenen Schuhe zu holen, die sie beim Einsteigen in den Bus vermisste. Wenn sie mich gefragt hätte, dann hätte ich sogar ihre Brote geschmiert, Skier gewachst und die Schuhe zugebunden. Ich hatte mich verknallt.
Am letzten Abend waren wir allein auf meinem Zimmer, das ich mit zwei anderen Jungs teilte. Beide waren gerade bei der Abschiedsparty, die wohl ziemlich hoch her ging. Nachdem einer von unserem Klassenlehrer erwischt wurde, wie er von seinem Balkon die parkenden Autos vollkotzte, ein anderer die Klassenlehrerin der anderen Klasse einen Bandscheibenvorfall erlitt, weil dieser sie übersehen hatte, als er die Treppen runter sprang, drei Betten, zwei Tische und etliche Stühle zu Bruch gegangen sind und diverse Pärchen bei angeblich unzüchtigen Dingen erwischt wurden, war auch Sense mit Party. Zu meinem Glück, denn ich stand mit meinen sechzehn Jahren kurz vor meinem ersten Herzinfarkt.
Anja und ich unterhielten uns zuerst sitztend auf dem Bett, dann legten wir uns hin (weil bequemer), dann blendete das Licht (also ausgemacht) und dann ging der Gesprächsstoff aus. Das erste mal seit einer Woche. Sie startete eine kleine Kitzelaktion, woraufhin sie anschließend in meiner Armbeuge lag. Mein Herz raste, meine Hände schwitzten und ich stand kurz davor einer klassischen Ohnmacht nachzugehen. Vor lauter Aufregung pullerte ich mir fast in die Hose, als es an der Tür schepperte. Die beendete Party schickte meine Zimmerkameraden ins Bett. Hätte mein Mitbewohner noch lauter „Hoooowheeee – hier ist abgeschlossen!“ gerufen, hätte ich auch ebenso gut zu Fuß nachhause gehen können. Unser Klassenlehrer stand noch unter Schock, von dem Klassenausflug, ein Jahr zuvor, als drei Mädchen einem Jungen zu nah gekommen waren (das ist eine andere Geschichte).
Es passierte nichts mehr an diesem Abend. Wir blieben jahrelang in brieflichen Kontakt und kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag trafen wir uns wieder. Ich erinnere mich, dass es mich fast hinten über schlug, als ich sie wieder sah. Sie war noch hübscher geworden und schaffte es auf zwei Meter Entfernung meine Hände zum Schwitzen zu bringen. Aber auch hier passierte nichts.
Der Briefkontakt ließ langsam nach. es vergingen manchmal Monate, bis ich ihr, oder sie mir schrieb. Eines Tages erreichte mich eine E-Mail. Anja hatte mich wiedergefunden. Inzwischen ist sie nach Berlin gezogen, lebt dort mit ihrem Freund zusammen und scheint ziemlich erfolgreich im Hotelbereich zu sein. Nach zwei Mails brach der Kontakt wieder ab. Vielleicht ist es auch nur wieder einer dieser Pausen, wie früher (der inzwischen auf den Tag genau ein Jahr anhält!)? Wie auch immer – selbst jetzt, nach zehn Jahren, habe ich mir das ständige „…“ nicht abgewöhnen können, das wir beide damals in unseren Briefen immer und immer wieder verwendeten, in Gedenken an den Oriongürtel!