Nach 11 Jahren starb mein bester Freund.
Wir haben viel zusammen erlebt: Er zeigte „Wer ist hier der Boss?“ bei meinem ersten Sex, hielt Schläge und Tritte aus, wenn ich mich in der Nacht ungünstig in meinem kleinen Zimmer umdrehte, überlebte Apfelsaft in seiner Lüftung und stundenlange Tekken-Exzesse, ohne zu murren. Als ich nach Braunschweig zog, nahm er es mir nicht einmal übel, dass er zuerst im Schlafzimmer als Nachttisch am Fußende des Bettes dienen musste. Als der Fernseher der Kleinen den Geist aufgab, kam sein Comeback. In der neuen Wohnung dann, ließ er mich zum ersten Mal im Stich: Pro7 fehlte. Der Privatsender mit den wenigsten Debilitäten brachte fast alle Serien raus, die ich in mühevoller Kleinarbeit beinahe lückenlos von Anfang bis Ende geschaut hatte.
Meine Großmutter kaufte sich ihren ersten Farbfernseher, als meine Mutter schon aus dem Haus war. Die Fernbedienung war schwer und klobig, erfüllte aber ihren Zweck. Die Sender musste man an Rädchen suchen und das Design brachte das Herz jedes Fernseherliebhabers zum Pumpen. Mit der größten Bildröhre, die ich je in meinem Zimmer stehen hatte, musste ich nicht mehr vor dem Bildschirm kleben, um Sarah Chalke’s Bauchnabel zu suchen. Und dennoch gehörte ihm das Wohnzimmer nicht allein, denn die heimliche Leidenschaft der Kleinen und mir (CSI auf VOX) konnte nicht auf dem Großen empfangen werden. Also teilten die Beiden geduldig unsere Aufmerksamkeit, bis mein bester Freund starb.
Nach einer etwas länger als geplanten ‹bergangszeit, mit dem winzigen Fernseher eines Freundes, bekam die Mutter der Kleinen Mitleid mit uns und stockte unser geplagtes Konto mit 300,- auf, auf dass wir losziehen und einen neuen besten Freund für mich suchen können.
Generell ist so ein Fernseherkauf keine schwere Sache, wenn man nicht unter einer schweren Beratungssucht leidet, wie mein kleiner Anhängsel, die es versteht die gespannten Nerven einer Einzelhandelsfachverkäuferin aus der „Besorg’s dir doch einfach“-Hölle zu zerfetzen…
„Hol mal die Verkäuferin her.“
„Warum? Der da gefällt mir. Sieht gut aus, hat ein gutes Bild, der Ton ist nicht schlecht und der Preis stimmt auch! Was willst du da jetzt beraten werden?“
„Ich will doch nur wissen, ob der besser ist, als der da!“
„Kleines, die Frau da vorn hat letzte Woche Joghurt in die Kühlregale geräumt! Glaubst du allen Ernstes, dass sie dich hier kompetent beraten wird?“
„Jetzt hol sie doch einfach!“
„Hol du sie do… Ok, ich komme gleich wieder…“
Etwas verunsichert schlurft die winzig kleine Verkäuferin aus der Elektrorasiererabteilung hinter mir her und stellt sich mit einer beängstigend fragenden Miene vor der Kleinen.
„Ich würde gerne beraten werden. Welcher Fernseher ist besser?“
„Æ’hm… Also eigentlich kenne ich mich nicht so sehr aus, weil ich aus einer anderen Abteilung komme…“
„Thompson… Ist das eine gute Marke? Die kenn ich nicht. Ich glaube, ich will den Grundig.“
„Also… Naja, der andere hat 100 Hertz und der Grundig 50.“
„Aha.“
„Psst… Das hätte ich dir auch ablesen können, aber wenn du das brauchst, dass jemand mit einem weißen Kittel…
Auuu!“
Wir entschließen uns doch zu warten und schauen uns bei Media Markt um. Hier könnte man sich vorstellen, dass das Personal ausgebildet und kompetent ist.
„Der sieht doch gut aus. Aber der hat nur 50 Hertz.“
„Nehmen wir ihn trotzdem?“
„Nein, ich will beraten werden. Und wenn der Fernseher nicht gut ist?“
„Sehen wir das Bild? Hören wir den Ton? Finden wir das schlecht?“
„Da, den fragen wir mal… Hallo! Hallo, ich würde gerne beraten werden. Wir wollen uns einen Fernseher kaufen und der da vorn gefällt uns. Ist der gut?“
Wenn ich nun darauf wetten müsste, dass der Verkäufer sich ein Stück Zunge abbeißen musste, um nicht gerechtfertigterweise einen dummen Spruch, wie: „Nein, eigentlich ist der nicht so gut. Schauen Sie mal… Die Fernseher auf der rechten Seite sind die schlechten Fernseher. Und die auf der linken sind die guten. Wir haben sie mal andersrum aufgestellt, aber meine Aura wurde empfindlich gestört und laut Feng Shui… SCHEISSE, WAS GLAUBEN SIE? Natürlich ist der Fernseher gut! Würden wir ihn sonst verkaufen?“
Stattdessen sagte er so etwas wie:
„Bitte? Ja. Ja, der Fernseher ist gut. Thompson ist eine gute Marke. Sogar eine der führenden!“
Und so erzählte er von dem Innenleben des Thompson, der eigentlich ein verkappter Panasonic ist, rollte sein Kabel zusammen, puhlte Ettiketten von Pappkartons und spielte ein wenig mit seinem Gürtel rum, nur um nicht in das Gesicht der Kleinen schauen zu müssen, um einen Lachanfall zu kriegen. Zum Beispiel wegen dem hier:
„Aha. Ja. Hm. Und meinen Sie, dass der Fernseher gut ist? Also, Malcolm, hast du noch Fragen?“
„÷hpffpllgrbblll… Bittewas? Ich hab nicht zugehört!“
„Und, dass er nur 50 Hertz hat ist nicht so schlimm, oder?“

Letztendlich haben wir ein Schnäppchen bei Schauland, nach exzessiver Beratung („Ja, da haben Sie eine gute Wahl getroffen!“) gemacht, der sich gewaschen hat: 200 Bucks gespart und alle sind glücklich! Die Kleine wurde intensiv beraten (von mir: „Flach, scharf, günstig, tolles Bild, toller Ton und noch ein Wort und ich schmeiß dich die Rolltreppe runter!“), ich habe einen neuen besten Freund und der liebe Herr aus der Fernseherabteilung hat in der Mittagspause jede Menge zu erzählen („Das glaubt ihr mir jetzt nicht…“)!