Teil 3 von 3
Hier gibt es Teil 1, und hier gibt es Teil 2
Vollkommen entnervt schlage ich mir bei Grilli Willi den Magen voll, rauche eine halbe Schachtel zur Verdauung und warte auf meinen 16.00 Einsatz. Dafür müsste ich quer durch die Stadt fahren müssen. Also locker in 15 Minuten zu schaffen. 10, wenn ich die Ampel links liegen lasse.
15:48
Ohne Karte, mache ich mich an dem heißesten Tag des Jahres auf den Weg zu Frau Kamp, die mal ordentlich geschoren werden musste. Also der Rasen.
Es ist heiß. Verdammt heiß und selbst mit allen geöffneten Fenstern werde ich nicht erlöst. An der Ampel lachen Kinder mich aus, wie ich da in dem Seat Marbella sitze: Ellenbogen angewinkelt, Kopf unter dem Himmel gequetscht, leicht zur Seite geneigt, damit ich die Straße noch sehen kann und meine Knie sind beinahe auf gleiche Höhe, wie das obere Teil des Lenkrads. Erinnert sich jemand an die Simpsonsfolge, als Nelson diesen sehr großen Mann auslachte, der in einem sehr kleinen Auto vorbei fuhr, der Nelson wiederrum mit heruntergelassener Hose durch die Stadt scheuchte? Hätte ich aussteigen können, wäre es den Kindern mit den Wasserpistolen, die auf mich gerichtet waren, schlecht ergangen. Leider bin ich wegen der Hitze so angeschwollen, dass ein Aussteigen einfach unmöglich ist, also warte ich die Grünphase ab und fahre so schnell es geht, Richtung Frau Kamp. Zumindest da, wo ich annehme, dass sie dort wäre.
15:55
Ich bin der Meinung, dass ich sie so langsam umzingelt habe und frage endlich bei einer Tankstelle nach der Straße. Fehlanzeige. Ich frage, ob sie vielleicht eine Karte da hätten, damit ich nachschauen könnte. Ich nehme die Karte, suche nach der Straße – nichts. Nachdem ich mich etwas frisch gemacht habe (so weit man sich auf einer Tankstellen-Toilette frisch machen kann), stopfe ich mich wieder ins Auto und beschließe Fußgänger zu fragen.
16:09
Nach dem zehnten Fußgänger gebe ich auf und fahre rechts rans, um mir eine Zigarette anzuzünden. Ein Plan muss her.
16:25
Kann doch nicht so schwierig sein! Ich steige wieder ins Auto und fahre eine immer kleiner werdende Spirale um die Stelle, die ich als Straße anahm. Nach 5 weiteren Passanten habe ich die Schanue voll und fahre nachhause.
17:15
Ich liege im Garten und lasse die Sonne auf mein Bauch braten. Zum Schwimmen ist es zu warm. Als das Telefon klingelt, nehme ich es kaum war und drehe mich nochmal zur Seite. Ab und zu schlage ich entkräftet und genervt die Fliegen, Mücken und Eltern zur Seite, die mir allesamt das Blut aussaugen wollen.
18:32
Da war doch was… Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich etwas vergessen habe…
20:28
Verdammt, Malcolm! Denk nach! Irgendetwas hast du vergessen…
23:19
Ich glaube echt, ich habe etwas vergessen. Hm! Bier? Für mich? Heißen Dank! Wo waren wir..?
08:12
„Du kommst SOFORT ins Büro! Beweg deinen faulen Arsch unverzüglich hierhin, sonst schwör ich dir… du kriegst ein Disziplinarverfahren an den Hals!!!“
„‚uten ‚orgen… ‚er is…da?“
„Bunge, ich warne dich! Beweg dich!“
Als ich eine Stunde später mit hoch rotem Kopf vor der zwei Köpfe kleineren Chefin stehe, wird mir klar, dass ich wenigstens hätte anrufen können. Das hatte ich also vergessen. Und die Konsequenz? Meine cholerische Chefin, die kurz vor dem Infarkt steht, stellt sich auf Zehenspitzen vor mich und plustert sich auf. Nach einer halben Stunde werde ich entlassen und muss mir anhören, dass ich froh sein kann, wenn ich kein Disziplinarverfahren an den Hals bekomme. Zum Glück übertrifft die Cholerik höchstens ihre Inkompetenz und ich gehe sicheren Gewissens nachhause, dass sie nicht einmal weiß, wie man so etwas anleiert.
Nach drei Tagen telefoniere ich höchstpersönlich mit Frau Kamp, die zum Glück alles ein bisschen lockerer sicht. Wir lachen sogar zusammen über meine Chefin, die sich am Telefon tausendfach bei Frau Kamp entschuldigt hatte und so verabreden wir uns drei Tage später zu einer humanen Uhrzeit „zwischen 16.00 und 16.30, Herr Bunge? Ich freue mich!“
Als ich das Grundstück betrete, wird mir klar, dass Frau Kamp aussehen könnte wie Sharon Stone und mir würde diese Aufgabe trotzdem keinen Spaß machen. Tatsächlich sah sie eher aus wie Frau Schmidt, meine Grundschullehrerin, nur 10 Jahre jünger, was, wie jeder sich denken kann, garantiert keine Augenweide ist.
Sie führt mich ein bisschen durch das riesige Haus, zeigt mir den Garten und fragt alle paar Schritte, ob mir das wirklich nichts ausmachen würde, ihren Rasen zu mähen und ein wenig die Hecke zu schneiden. Wer schon so nett fragt, bekommt auch sicher kein „Sind Sie Geistesgestört? Welcher normale Mensch hat grasbewachsene mannshohe Hügel in seinem Garten?“, sondern mein charmantestes „Kein Ding, Frau Kamp!“
Wenn ich eins gelernt habe, an diesem Tag, dann gibt es mit Sicherheit eine goldene Regel, wenn man wohlhabend sein möchte: Man kauft sich niemals den neusten Rasenmäher und wenn, war das 20 Jahre her. Wie auch Grace∞, plagt mich eine ungeölte Gartenschere in der Größe einer Nagelschere und nach vier Stunden in der sengenden Sonne (Frau Kamp machte es sich auf der Terasse bequem und fragt alle 10 Minuten nach meinem Befinden) ist auch diese letzte Aufgabe bewältigt. Zum Dank nimmt mich Frau Kamp noch einmal kurz in ihre Arme, drückt mir mit einem verschwörerischen Blick 20 Mark in die Hand und winkt mir zu, als ich die Hofeinfahrt verlasse.
Der Grund warum ihre Straße bei niemandem bekannt und auf keiner Karte verzeichnet war, ist einfach nur, weil die Straße erst seit 6 Monaten als Neubaugebiet existierte. Natürlich erzählte die liebe Frau Kamp meiner Chefin, dass es nicht einfach ist die Straße zu finden, diese zog es aber vor mir die Beschreibung, die Frau Kamp ihr gab, nur bruchstückhaft zu übermitteln.
Wie ich meine restlichen Minusstunden dadurch aufholen musste, indem man mich eine Woche als Bodyguard eines kleinen Mädchens, unter Pilze fressenden Waldhütern und einer verzweifelten Lehrerin, auf eine Grundschule schickte, warum ich während des Zivildienstes an einem Wochenende Kommunist wurde, meinen Führerschein verlor, zwei weitere Male ein Disziplinarverfahren angedroht bekam, einem Sozialarbeiter juristische Nachhilfe gab (und dadurch beinahe die Fresse poliert bekam!) und mich letztendlich bei meiner Chefin revanchiert habe… das ist eine andere Geschichte..!