Zivildienstschmankerl – Malcolm vs. Meier

Teil 1 von 3

„Wärst du mal zum Bund gegangen… hätten sie dir ordentlich Disziplin eingeprügelt! Was hast du dir nur dabei gedacht? Hast du überhaupt gedacht? Besitzt du diese Fähigkeit? Ich fass das einfach nicht!“

Kleinlaut sacke ich auf meinem Stuhl zusammen. Diesesmal habe ich wirklich Mist gebaut. Größerer Mist, als zu vergessen Manfred* aus dem Bett zu holen, noch größerer Mist, als die Tüte (die sehr klein war!), die ich zusammen mit Robert* auf dem Balkon geraucht habe, bei meiner Einarbeitung, während Manfred seine zwei Stunden Fernseherpause hatte.

Zurückgespult

Noch bevor ich mit meinem Zivildienst begann, hatte ich die Möglichkeit den Monat Arbeitslosigkeit damit zu überbrücken, dass ich schonmal antrat und auf das Gehalt eines Zivis zzgl. anfallenden ‹berstunden, die ich mit in den Zivildienst nehmen durfte. Zum ersten Mal in meinem Leben verdiente ich richtig Geld, lebte bei Mutti und der Arbeitsweg war mit dem Seat Marbella des Paritätischen Dienstes, der meistens bei mir zuhause stand (also quasi mein erstes Auto), in 5 Minuten zu bewältigen. Ich hatte das Glück meinen Zivildienst bei jemanden machen zu dürfen, der mir nicht das Gefühl gab zu arbeiten, sondern vielmehr beinahe täglich einen Freund zu besuchen. Leider vernachlässigte ich die Besuche bei Manfred und so verlor ich ihn nach meinem Zivildienst aus den Augen. Um die Geschichte kurz hinauszuzögern, die ich gedenke zu erzählen, die des schlimmsten Tages in meinem Berufslebens, möchte ich anmerken, dass Manfred mein Leben verändert hat. Und würde ich mich nicht darüber schämen, dass ich ihn all die Jahre nicht besucht habe, würde ich bei der nächsten Gelegenheit, die sich bietet, besuchen fahren.

Wieauchimmer, das ist nicht die Geschichte von Manfred (die auch interessant wäre), sondern die Geschichte um eine Straße die es nicht gibt, einem Schlaganfall und einer Omi, die fast Prügel bezogen hätte…

Früh morgens (gegen 11.00) werde ich ins Büro gebeten. Man müsse sich mit mir über meine Minus-Stunden unterhalten, die ich zwischenzeitlich angesammelt hatte. Aus den 80 ‹berstunden, die ich von dem Monat vor dem Zivildienst angesammelt hatte, sind 40 Minus-Stunden geworden, die schleunigst aufgeholt werden sollen. Die Sache bei Einzelbetreuung, die man sich mit zwei weiteren Zivis teilt, ist nämlich so: Wenn ein Zivi mittags um 12.00 aufschlagen soll, um 16.00 „geht“ (man ist oft dageblieben, um sich Manfred „Premiere“ zu schauen, oder ), vielleicht um 22.00 nochmal vorbeikommt, um dann um 0.00 zu gehen, wird es knapp mit den Stunden, wenn man sich diese Stelle mit zwei anderen teilt (wobei man sagen muss, dass ich der einzige der drei war, der nur bei Manfred war. Die anderen beiden mussten nebenbei noch andere Jobs machen). Und so kamen die freundlichen Damen der Paritätischen Dienste auf die glorreiche Idee mir zusätzlich Stunden aufzubrummen.

„Morgen um 8.00 bist du bei der Frau Meier. Sie ist 80 Jahre alt und kann ihre Einfahrt und kleinen Garten nicht pflegen. Da fährst du hin und machst alles fertig.“
„Mhmm…“
„Um 11.30 bist du bei Herrn Schulz. Das wird etwas unangenehm werden. Sagen wir es so…“

Und ich schwöre euch, dass sie das wirklich so gesagt hat:

„…Wir beschäftigen Haushälterinnen, die bei Menschen die Wohnung machen, die sonst nicht dazu in der Lage sind. Nun ist Herr Schulz… Naja, etwas nachlässig mit seiner Wohnung umgegangen und die Haushälterinnen trauen sich nicht mehr rein. Also dachten wir uns, wir schicken einfach einen Zivi!“
„Das ist jetzt ein Scherz, oder?“
„Sehe ich aus, als würde ich lachen?“
„Hast du schonmal gelacht?“
„Um 16.00 fährst du zu Frau Kamp und mähst ihren Rasen.“
„Rasen mähen?“
„Richtig. Ihr Grundstück ist ein wenig zu groß und sie ist allein.“
„Okeey!“

Reiche Frau allein. Find ich gut!

Am nächsten Tag stehe ich Punkt 7.45 vor den Paritätischen (was für eine beschissene Zeit, wenn man Monate lang nie vor 11.00 wach war) und hole meinen Wagen ab. Selbstverständlich verfahre ich mich auf dem Weg zu Frau Meier und tauche erst um 8.05 auf.

„Ich habe schon bei Ihnen in der Dienststelle angerufen, wo Sie bleiben!“
„Haben Sie das? Wirklich?“
„Gehen wir in die Garage, da zeige ich Ihnen ihre Werkzeuge…“

Ich schlage mich durch Zentimeter hohe Unkrautwälder, die sicherlich an die fünf Steine optisch abwerten. Leichte Arbeit, denke ich so bei mir, bis…

„Ich habe Zeit! Ich werde die ganze Zeit hier…“ sie wedelt in Richtung Fenster zum Hof(!) „…darauf aufpassen, dass Sie auch ja alles richtig machen! Und sollte ich noch ein Unkrauthalm sehen…“

Abschaltmodus wird eingeschaltet. Ich zünde mir eine Zigarette an, die mir promt aus dem Gesicht geschlagen wird.

„Was erlauben Sie sich! Und jetzt los! An die Arbeit!“

Nach einer halben Stunde glaube ich den Gehweg von Unkraut freigemacht zu haben. Das klackende Geräusch des Spazierstockes, abwechselnd auf meinem Kopf, mal auf dem Fenstersims (wenn ich nicht in Reichweite war), belehrte mich eines Besseren. Und so krieche die ich die Einfahrt rauf und runter, um klitzekleine Grashalme zu entfernen. Um 10.00 glaube ich an ein Ende in Sicht, werde aber auf die Hecke hingewiesen. Mit einer riesigen Heckenschere bewaffnet (…es könnte wie ein Unfall aussehen..!) mache ich mich ans Werk.

Um Punkt 11.00 lasse ich die Heckenschere fallen, gehe wortlos zu meinem Auto und verschwinde. Im Rückspiegel kann ich die liebe Frau Meier erkennen, die mit ihrem Spazierstock ein Fluch auf mein Leben und das meiner zukünftigen Kinder ausspricht.

Und morgen:
Ich treffe auf Herrn Schulz und entdecke die Witzigkeit meiner Chefin

*Name geändert

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