Zivildienstschmankerl – Malcolm vs. Schulz

Teil 2 von 3

Hier geht es zu Teil 1

Es ist ein schöner, sonniger Tag und all meine Freunde müssten gleich im Schwimmbad sein. In dem Seat Marbella wird es langsam warm und dass es eng ist, braucht man nicht zu erwähnen. Was für eine Lachnummer ich abgebe, mit den Knien unter dem Kinn und dem Kopf schräg gehalten, damit ich die Straße überblicken kann. Dass jeder andere nun einen neuen Polo fährt und ich ständig die alte Krücke kriege, gibt mir langsam zu denken.

Ich steige aus, als die Sonne auf dem Höhepunkt steht und suche den Schlüssel zu Schulzes Wohnung. Ich lasse mir Zeit in den dritten Stock zu gehen. Wer in einer Wohnung lebt, so schmutzig, dass sich nichtmal Hauswirtschaftlerinnen reintrauen, kann nicht verkehrt sein und vergibt mir meine kleine Verspätung von 10 Minuten. Zwei, drei Mal tief durchgeatmet, Schlüssel ins Schloss und drücken. Nichts passiert. Nochmal drücken, die Tür bewegt sich nur unmerklich. Ich stemme mein ganzes Gewicht gegen die Tür und sie öffnet sich soweit, dass ich mich durchquetschen kann.

Erinnert sich jemand an die Szene aus Sieben, als die Polizisten in diese übelst versiffte Wohnung kommen, mit den Wunderbäumen an der Decke. Diese fehlten zwar, die Wohnung stand dem des Mannes, der im Film über ein Jahr im Bett lag, in nichts nach. Ein Geruch schlägt mir entgegen, der für kurze Zeit Tränen in die Augen reibt.

„Herr Schulz?“
„Mpfgmmpff!!!“
„Herr Schulz, was machen Sie… Oh Scheiße!“

Ich drehe mich nach rechts und vor mir liegt ein Berg von Fleisch in Feinripp vor der Toilette. Ein halber Hoden hängt heraus und zwei glasige Augen starrten mich an. Ich trete einen Schritt zurück, als Schulz sich rührt.

„Pflaganpfall. Iff glauhe, iff happe einen Pfaganpfahh! Iff iege ie fon pfeid fei Pfunen. Bob fei ank, ass hie ba sind!“
Schlaganfall. Ich glaube, ich hatte einen Schlaganfall! Jetzt liege ich hier schon seit zwei Stunden! Gott sei Dank, dass Sie nun da sind!

So stehe ich vor dem lieben Herrn Schulz, der mich breit angrinst und nach einer Schwarzbrennerei stinkt. Langsam lehne ich mich an den Türrahmen zum Badezimmer, rutsche in die Hocke und verfalle in ein Lachen, in den auch promt Herr Schulz mit einfällt. Nach ein, zwei Minuten stehe ich auf, klopfe den Staub von der Hose ab und suche das Telefon, das unter einem Berg Wäsche liegt.

„Guten Tag, Klinikum Minden, was kann ich für Sie tun?“
„Hi, Malcolm Bunge. Folgendes…“

Ich schildere kurz die Situation und werde promt abgespeist.

„Haben Sie schon Ihre Zivildienststelle benachrichtigt?“
„Bittewas? Ich brauche einen Krankenwagen! Der Mann könnte wirklich gut einen Arzt gebrauchen!“
„Bitte benachrichtigen Sie Ihre Zivildienststelle.“
„Das glaub ich jetzt nicht! Schicken Sie nun einen Krankenwagen? Ach Scheiße!“

Ich knalle den Hörer auf und rufe sofort bei meiner Chefin an, der ich die Situation erkläre.

„Hast du einen Krankenwagen gerufen?“
„Natürlich hab ich einen Krankenwagen gerufen, aber ich glaube, die kommen nicht, weil ich euch erst Bescheid sagen soll!“
„Bist du bescheuert? Ruf einen Krankenwagen!!!“
„Oooohhh…“

Natürlich schicken sie 20 Minuten später einen Krankenwagen, aber bis heute weiß ich nicht, ob sie ihn auch ohne meinen Anruf bei den Paritätischen und den bestätigenden Anruf im Klinikum losgeschickt hätten.
Als die Tür klingelt, reiße ich sie auf, drücke den Summer und sehe die Rettungsmannschaft die Treppe hoch hecheln.

„Haben Sie angerufen?“
„Jupp.“
„So, wolln wa ma schaun… Herr Schulz, ich grüße Sie! Na, so sieht man sich wieder! Alles gut bei Ihnen?“
„Eht fo. Iff olle mur ma pingeln und wurde scharz vor Augen!“
Geht so. Ich wollte nur mal pinkeln und mir wurde schwarz vor Augen!
„Na, dann wolln wa ma. Jungs, alles gecheckt, auf die Matraze mit ihm!“

Der Arzt ist einer dieser Menschen, die einem gleich sympathisch sind. Einer dieser Typen, die man in einer Kneipe sieht und einen ganzen Abend lang zotige Witze reißt. Einer dieser Typen, der auch gerne mal verarscht und kein Problem damit hat auch mal einzustecken.

„Junge, kannst du meinen Koffer nehmen? Ich glaube, den schaffen wir gerade so zu dritt und da will ich nicht… Ne?“
„Kein Problem, Doc!“

Schnaufend nehmen die zwei Rettungssanitäter und der Arzt die Hürde aus dem zweiten Stock 150 Kilo Gestank bei 30∞ im Schatten (also Hausflur) in den Wagen zu schleppen. Nach der dritten Stufe, fordere ich meinen Glück heraus:

„Puh, Jungs… Mag mal einer die Tasche nehmen? Ist doch schwerer als sie aussieht!“
„Halt die Schnauze, so spaßig wie das aussieht, ist das nicht!“, blafft mich der Arzt an. Whups. Nichts da, mit Stunden langem Kneipenbesuchen!

Ab da sage ich garnichts mehr, unterschreibe wortlos den Wisch und gehe noch einmal in die Wohnung, um meine Chefin anzurufen. Wer weiß, ob ich mich nicht doch um das Putzen drücken kann. Ich nehme das Telefon mit ins Wohnzimmer und überlege es mir anders, es mir bequem zu machen. Leises Piepen der zwei verkommensten Wellensittiche, die man sich vorstellen kann, lassen mich kurz darüber nachdenken den Tierschützer zu mimen, lasse die beiden aber lieber doch im Käfig. Draußen hätten sie auch nicht viel länger, bei der Hitze.
Meine Chefin lässt mich, nicht ohne spüren zu lassen, dass sie es ungern tut, die Wohnung verlassen und so mache ich mich auf, eine etwas längere Mittagspause bei Grilli Willi einzuläuten. Bis 16.00 würden noch einige Currywürste über den Jordan gehen müssen..!

Und morgen: In der Stadt Straße die es nicht gibt…

Ähnliche Beiträge: