Leonie Swann & ich 2


„Oh, das Buch ist ja richtig abgegriffen!“
„Ja, das liegt daran, dass sie es zuerst gelesen hat und mich dann…“
(Scheiße, unglücklich ausgedrückt… Ob ich wohl von vorn anfangen dürfte?)
„…dich dazu genötigt hat?“
„Naja, nein, ich meine… also… nein, ich mag es sehr gern! Ich hatte nur mal eine blöde Erfahrung, mit einem Schaf. Also mit vielen Schafen…“
„Ja, hatte ich auch mal!“
Seufz

Leonie Swann

Leonie war bezaubernd! Wir trafen uns das erste Mal, als ich auf dem Weg zum Klo war. Ich war gerade fertig, auf dem Weg in die obere Etage, auf der Rolltreppe mir das Restlamacun aus den Zähnen zu prokeln, als sie vor mir stand und mühelos sehr nett aussah, als sie auf ihr Auftritt wartete. Das war auch das erste Mal, dass ich vor jemandem errötete, ohne vorher etwas extrem blödes gesagt zu haben. Ob sie meine Gedanken gelesen hat? Weiß sie, dass ich aufs Klo muss? Ist das nicht doof, wenn ich jetzt auf die Toilette gehe und dann im Publikum bin, mit dem Wissen, dass sie weiß, dass ich auf Toilette war? Fein, das ist ein natürliches Bedürfnis, aber diese Gedanken schwirren gerade durch meinen Kopf, als sie aufblickt, mich anschaut und mich mit ihrem Blick, ihrer Anwesenheit, beinahe gegen die Metalltür zu den Kundentoiletten knallen lässt.

Sie war leicht erkältet und wies jeden im Raum darauf hin, bevor sie anfing. Niemand reagierte darauf und so sank sie ein kleines bisschen in ihren Stuhl zusammen, als sie die wichtigsten Schafe vorstellte, um gleich darauf aus dem Buch vorzulesen. Mit leicht heiserer Stimme fing sie an…

„Gestern war er noch gesund“, sagte Maude. Ihre Ohren zuckten nervös.
„Das ist gar nichts“, entgegnete Sir Ritchfield, der älteste Widder der Herde, „er ist ja nicht an einer Krankheit gestorben. Spaten sind keine Krankheit.“

Die Zuschauer kicherten das erste Mal leise vor sich hin und Leonie Swann schien ein wenig erleichtert zu sein, als sie fortfuhr.

Nach 45 Minuten war der Zauber vorbei und man durfte Fragen stellen. Natürlich traute sich erst niemand. Erst als eine ältere Dame, Marke „Naturheilmittel, sonst nichts“ fragte, woher sie ihre Inspirationen hole, lockerten auch endlich die Zuhörer auf und stellten ihr nach und nach Fragen. Wie in der Schule, wurden auch hier alle Fragen gestellt, die ich stellen wollte. Und auch wie in der Schule, fiel mir promt eine Frage ein, die bestimmt kein anderer fragen würde! Nachdem ich mich gemeldet hatte und die Frau mit der unmöglichen Frisur aus Reihe 2 exakt die Frage stellte, zog ich ruckartig meine Hand wieder runter, als sich unsere Blicke zum zweiten Mal trafen und mich gleich aus der Bahn warfen:
„Ja, Sie wollten noch etwas fragen?“
„ƒhm… Also… Joa, irgendwie darauf bezogen, so…“

Wunderbar! Großes Gestammel! Und jetzt?
Ich stellte dieselbe Frage, etwas umformuliert und bekam dieselbe umformulierte, freundliche Antwort. Ja, nett ist sie, die Frau Swann. Und toll schreiben kann sie auch!

„Dann noch einen schönen Abend“, wünschte ich ihr, als ich auf einmal die Blicke in der Schlange hinter mir spüre und auch sie schien sie zu sehen, die Blicke der Menschen, die auf eine Signatur in ihren Büchern warteten und von dem Typen mit der komischen Frisur und dem noch komischeren Bart, aufgehalten wurden, also hob ich noch die Hand zum Abschiedsgruß, errötete wieder und verschwand mit der Kleinen an der Hand aus dem Laden.

Ein tolles Nikolausgeschenk. Danke, Kleines!

Pssst, weitersagen:

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