Von der allgemeinen Nervötigkeit der werbenden Medien über Schaufenster im Fußballfelddesign, bis hin zu Blogger, die eine Tippgemeinschaft gebildet haben (elitär: nur 300 dürfen mitmachen – bin selbstverständlich dabei, weil es etwas zu gewinnen gibt!). Schmerzfreies Trikotverkaufen bei Karstadt, beim Bäcker gibt es Fußball-Laugenbrötchen und jedes zweite eh schon hässliche Kind läuft in buntem Deutschlandtracht durch die Innenstadt, seine fetten Æ’rmchen im winzig kleinen Oliver Bierhoff (oder wasweißich wie diese überbezahlten Spacken heißen) Trikot gequetscht, quengelt es nach einem Bumm-Bumm-Eis, welches es im Laden nebenan gibt, das mit großen Lettern „Balla-Balla-Angebote“ preist.
Es gab auch eine Zeit in der ich auch Fußball mochte. Also mögen im Sinne von: Alle mögen Fußball, also magst du es auch.
Angefangen 1983 im englischen Ghetto in Minden, in der es zwei Manchester United Fans gegen 150 Liverpool Fans, bis hin zu Borussia Mönchen Gladbach Fan aus ‹berzeugung, weil sie irgendwann in den späten 80ern ein Spiel mit sieben zu Bla gewannen, was einen kleinen Jungen, der von einem eingefleischten VfB Stuttgart Fan großgezogen wurde, ziemlich imponiert.
Meine Fußball-Fan-Karriere endete jäh während der EM 1992. Damals lebten wir zu viert in einer 3-Zimmer Wohnung. Das Wohnzimmer war ziemlich groß, also wurde es mit einer riesigen Schrankwand abgetrennt, hinter der ich wild pubertieren konnte. Zwischen Mariah Carey und Borussia Mönchen Gladbach Postern auf knapp 6 Quadratmeter lässt sich die schwarze Seele eines Teenagers im Frühstadium herrlich pflegen. Außer seine unterdrückte Abneigung einer total überschätzten Sportart, bricht eines Tages überraschender hervor, als ein Outing von Eminem.
Es war sicher ein spannendes Spiel für die meisten Deutschen, als ich ins Bett ging. Ich gab an vom Tag so geschlaucht zu sein, dass nicht einmal dieses Spiel mich wachhalten konnte. Mein Unterbewusstsein hingegen hatte sicher einfach nur die Schnauze voll und übernahm die schwere Enttäuschung eines Mannes, der geglaubt habe endlich jemanden in der Familie zu haben, mit dem er über die Wichtigkeit des Fußballs an und für sich reden konnte. Tag für Tag.
Das Spiel ging in eine heiße Phase und nachdem ich meinen Fantasien, die selten über eine Familiengründung mit Mariah Carey hinausgingen, freien Lauf gegeben hatte, glitt ich geschmeidig in eine Zwischenphase des sanften Schlafs über. Mein Hirn war gerade dabei die letzten Körperfunktionen aufs Nötigste zu schrauben, um im Schlaf wichtigeren Dingen, wie überhöhte Samenproduktion, nachzugehen, als es sich auf einmal aufbäumte. Die Stimme des Moderators schraubte sich in meinen Kopf, mit einer belanglosen Unterbetonheit der Worte, dass sich die Sätze wie ein langer, schwarzer Faden durch die Ohren und quer durch meine Gehirnwindungen wuselte. Die monotone Sprechweise des Mannes war quasi die europäische Antwort auf die Wassertropfenfolter und nach dem Aufbäumen des Hirns, gab auch mein Magen auf und entledigte sich des Abendessens. Ich kotzte alles voll.
Seit 1992 habe ich ungefähr 35 Sekunden lang bewusst ein Spiel verfolgt. Ist der Vater der Kleinen zu Besuch und schnappt sich die Fernbedienung um zweitklassigen Vereinen beim Bolzen zuzuschauen, starre ich vielleicht auf den Fernseher, bin aber dank einer längst vergessenen orientalischen Meditationstechnik in der Lage mein Bewusstsein auf Reise zu schicken. Ich habe in das wahre Gesicht des Fußballs geschaut und ich sage euch, es ist die Fratze des ANTICHRISTEN!