Hurricane 2006 – So war es wirklich (1)
Er verschaffte sich einen ‹berblick über das Wrack; er machte Inventur; er bilanzierte seine Möglichkeiten; und er analysierte seine Situation. Wir sind, was die Bildung betrifft, in der Lage Robinsons. Wir haben Schiffbruch erlitten. Das ist schlimm, aber es ist keine Katastrophe, solange man seine Moral behält, nicht in Panik gerät, lernfähig ist und zäh genug, alles wieder neu aufzubauen. Machen wir also Inventur. Sichten wir das Wissen und trennen wir das Wesentliche vom Unwesentlichen. ‹berprüfen wir unsere Maßstäbe. Korrigieren wir unsere Fehler. Und gewinnen wir dabei unsere Urteilsfähigkeit zurück. Wie ist die Lage, wenn wir sie nicht beschönigen?

Der Sturm hatte das Feld innerhalb weniger Minuten von einer staubigen Masse in einen Sumpf verwandelt. Wir versanken teilweise bis weit über die Knöchel in Matsch, als wir das rettende Zelt erreichten, das nur deswegen nicht überschwemt war, weil The Dennis und Moritz einen kaputten Sonnenschirm davor klemmten, während einer der Jungs den Stoff zusammenhielt. In der Zeit, in der sie uns die Tür öffneten, flossen gefühlte 100 Liter Wasser ins Zelt, die wir schnell mit der bloßen Hand wieder raus schütteten. Irgendwann hielt auch der Sonnenschirm das Wasser nicht davon ab, das 9-Mann-Zelt zu schützen und wir mussten eine Lösung dafür finden, dass die Tür sich nicht schließen ließ. Die Spannung des Stoffs war zu groß und so lösten wir zwei Heringe, um den Zug zu verringern. The Dennis und ich schrien gegen den Sturm und wenn wir die Tür aufgemacht und uns urplötzlich auf hoher See befunden hätten, wären wir nicht einmal überrascht gewesen!
„Je mehr Autos das Gelände verlassen, desto mehr weicht das Feld auf!“
Die Kleine hatte Recht. Wir mussten so schnell wie möglich mit dem Auto vom Parkplatz runter. Zum Glück hatten wir bereits am Nachmittag alle Sachen zum Auto gebracht, bis auf leichtes Handgepäck, das wir uns nun umschnallten. Wir verabschiedeten uns bei The Dennis, als würden wir uns nie wieder sehen. Ein spaßigeres Abenteuer, zum Abschluss eines fragwürdigen Festivals, hätte ich mir nicht wünschen können!
Aus dem Zelt, in eine Welt aus Matsch, kreischenden Menschen (vor Freude und/oder Schreck) und wassereimerigen Regen, stießen wir auf den irren Moritz, der wohl ein wenig desorientiert zwischen die Zelte wanderte. Schneller Abschied und auf zum Auto. Kaum drehten wir uns um, tauchten Feuerstuhl-Tobi und S. wie aus dem Nichts auf. Den ersten Stück zu unseren Autos legten wir zusammen zurück, bis wir links abbogen, um unseren Wagen aus dem Dreck zu ziehen und Feuerstuhl-Tobi und S. gerade aus liefen. Ohne die Möglichkeit jemanden anzurufen (dazu später mehr), waren wir nun auf uns allein gestellt. Sollte das Auto stecken bleiben, würden wir…
Nein, bloß nicht darüber nachdenken! Wir parken auf grasiger Fläche, das wird schon gehen!
Die Kleine machte die ersten Züge ganz gut. Ihr stand Panik in den Augen, als wären wir auf der Flucht vor einer riesigen Flutwelle, was rückblickend als Vergleich noch nicht einmal ganz abwegig ist! Plötzlich machte sie den Fehler, der aber auch wirklich jedem hätte passieren können. Als das Auto einen Moment lang nicht reagierte, gab sie Gas. Als es nicht weiter ging, legte sie den Rückwärtsgang ein und schon steckten wir fest. Inzwischen hatte sich der Regen ein wenig beruhigt und ich stieg aus, um nach dem Rechten zu sehen. Keine Chance, das Auto war nicht mehr zu retten. Plötzlich tauchten drei Gestalten wie aus dem Nichts auf. „Komm, steig ein, wir schieben“, klopfte mir der Größere auf die Schulter. Inzwischen stieg auch in mir ein ungutes Gefühl auf, ob wir es schaffen würden. Und diesesmal machte ich den Fehler: Ich gab zuviel Gas und am Fenster tauchte das Ding aus dem Sumpf auf und klopfte ans Fenster.
„Achduscheiße! Junge, das tut mir so leid!“. Mehr wusste ich nicht was ich sagen sollte. Hätte ich ihm Feuchttücher anbieten müssen?
Da standen wir nun, in unserem Unglück. Mitten auf dem Feld. Der Regen fing wieder an stärker zu werden, was mir aberf langsam egal wurde, weil ich bis auf die Haut durchnässt war. Es machte mir auch nichts aus, den Schlamm unter den Autoreifen zu schieben, in der Hoffnung, dass es dann besser gehen würde. Ich wollte gerade die Hoffnung aufgeben und der Kleinen vorschlagen bis zum nächsten Tag zu warten, um dann einen Bauern zu fragen, als ich zwei Reihen neben uns Hilferufe hörte. Noch ein Auto das festgesteckt ist. „Wir helfen euch, wenn ihr uns helft!“, schlugen sie vor. Was hätte ich sagen sollen? Klappt sowieso nicht? Sollten sie selber sehen wie hoffnungslos ihre Lage ist. Und so gab ich Anweisungen, schob, fluchte und lobte das kleine blonde Mädchen aus dem Gefahrengebiet, damit rechnend, dass die vier Jugendliche sich gleich aus dem Staub machten. „Fahr immer weiter, bremse nicht, keine ruckartigen Bewegungen, halte einfach auf das Licht dahinten zu! Deine Freunde müssen dann zu Fuß hinterher, ok?“. Das Mädchen nickte und gab Vollgas. Wir halfen ihr noch 2-3 Mal aus dem Matsch und weg war sie. Ihre Freunde aber nicht. Stattdessen standen sie schon hinter dem Ka der Kleinen und schoben wie die Irren! Zu fünft schafften wir es tatsächlich das Kleine Auto aus dem Loch zu befreien. Ich gab ihr dieselben Anweisungen („Gib bloß nicht zuviel Gas! NICHT Gas geben! STOP!!! ARGHHHH!!!“) und vergaß dabei, dass ich es nie mitkriegen würde, wenn sie unterwegs irgendwo steckenbleiben würde, weil ich die Strecke nicht kannte, die sie gleich fahren würde, um gegebenenfalls schlechte Stellen auszuweichen. Hmm. Blöd jetzt.
Als ich mich umdrehte, um mich bei den Jugendlichen zu bedanken, waren sie verschwunden. „Malcolm, was redest du denn da? Es waren keine Jugendlichen an unserem Auto! Aber schau mal hier – ein Auto mit 5 Jugendlichen zwischen 18 und 20 ist am Samstag auf dem Weg vom Hurricane nachhause von der Straße abgekommen. Alle tot. Heftig, oder?“, reicht mir die Kleine die Zeitung. Ich lief so schnell der Matsch es zuließ der frischesten Spur hinterher. zumindest das was ich aus Indianerfilmen als „frischeste Spur“ erkennen konnte! Nach einem Kilometer hörte ich sie schreien: „MAAAALCOLM!!! MAAAAAALCOLM!!!!!“ Ihre Stimme überschlug sich und ich lief los, in der Sorge, es wäre etwas passiert. „MAAAAALCOLM!!!“
Sie stand neben dem Ka, den sie kurz vor der festen Straße anhielt, der von abfahrenden Autos übversäht war. Zum Glück war die Kleine genau den Weg gefahren, den ich gefahren wäre. Zum Glück gab es tatsächlich an der Stelle einen Zugang zur Straße. Zum Glück alarmierte sie mit ihrem Kreischen nicht die örtliche Polizei, die annehmen könnte, dass ich tot im Graben liege! Ich stieg also ins Auto ein, das die Kleine auf gemütliche 40∞ vorgewärmt hatte und ließ den Matsch in meinem Gesicht trocknen und anschließend abbröckeln, als wir beide in Gelächter ausbrachen!
Ein passenderes Ende für ein Hurricane-Festival, wie ich ihn noch nicht erlebt habe, hätte es nicht geben können. Aber den Fett kriegen die Veranstalter in Teil 2 des großen Hurricane-Reports. Und für euch gibt es noch Fotos..!








mm ein weinendes und lachendes auge das ich nicht da war …. *fg*