Im Märchenwald (Staffel 1, Folge 2)

Das erste Mal, als ich mich mit Ninifaye im Märchenwald verirrte, gewann sie den Wettbewerb um Kopflängen en masse! Dieses Mal wiege ich mich auf der sicheren Seite, habe ich doch nichts schändliches getan, das auch nur annähernd an dem kommt, was die liebe Ninifaye heute Morgen anstellte: Ich habe nämlich kein Kind beklaut. Zumindest nicht in den letzten 15 Jahren:
Huiuiui, gerade auf dem Weg zur Arbeit standen am Straßenrand auf einem Toreinfahrtsmauervorsprung eine ganze Serie Playmobilfiguren aufgereiht. Ich hab das mal als ìZU VERSCHENKENî aufgefasst und mir ein SUPERS‹ß-GESCHECKTES PFERDCHEN mitgenommen. Danach hat Herr Gecko gesagt, das hätten da sicher nur ein paar Kinder vergessen…
ABER ICH WILL DAS PFERDCHEN NICHT MEHR HERGEBEN! DAS IST JETZT MEINS!!!
Herr Gecko hatte Recht. In Wirklichkeit trug sich die Geschichte nämlich so zu:
Ich sehe irgendwo da draußen ein kleines Mädchen weinen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Pony. Weil ihre Eltern beide von HartzIV leben, können sie sich natürlich keinen Pony leisten, also haben sie ihr Erspartes zusammenkratzt und der kleinen Anna zum 8. Geburtstag ein Playmobilpferd gekauft. Die Anna war hin und weg und ließ das kleine Glück niemals aus den Augen!
Eines Tages spielte sie mit ihren Geschwistern und Freunden draußen an der Mauer, als die Eltern zum Essen riefen. Es war Mittwoch und damit der letzte Tag in der Woche, an der es etwas zu essen geben würde, da Annas Eltern gerade einmal so viel Geld zur Verfügung hatten, dass es nur für eine Hälfte der Woche etwas Festes zu essen geben konnte. Anna war sehr aufgeregt, weil der Mittwoch nicht nur der letzte Tag in der Woche war, an dem es etwas richtiges zu essen gab, sondern der einzige Tag in der Woche, an dem sie ihren Vater sehen würde (der für 1,-/Stunde Kohle aus dem hiesigen Bergwerk mit bloßen Händen ausgrub), also lief sie so schnell wie ihr gesundes Bein sie tragen konnte in die Plattenbausiedlung zurück und hüpfte sechzehn Stockwerke hoch (Fahrstuhl außer Betrieb, seit 3 Jahren), um gerade rechtzeitig am Tisch zu sein, um noch etwas von der Linsensuppe (gestreckt mit den kleinen Papierfitzel, die man aus dem Locher puhlen kann) zu bekommen.
Als Anna heute Morgen aufwachte, stellte sie mit Schrecken fest, dass ihr Playmobilferd nicht an der Stelle stand, die Anna immer sieht, wenn sie morgens ihre kleinen Æ’uglein aufmacht. Sie sprang aus ihrem Bett und stellte das Zimmer auf den Kopf, um ihr kleines Glück zu finden. Dann fiel ihr plötzlich ein, wo sie es zuletzt sah, nahm sich nicht einmal die Zeit aus dem löcherigen Schlafanzug zu schlüpfen, sondern wickelte sich in eine Decke ein, in der sich seit Monaten wacker die Wanzen festgebissen haben, lief die zwanzig Stockwerke hinunter, um festzustellen, dass die Playmobilfiguren ihrer Freunde und Geschwister noch alle da standen, aber ihr kleines Pferd… verschwunden.
In ca 2 jahren wird Anna zum ersten mal rauchen.
Ein Jahr später dreht sie ihren ersten Joint.
Ein halbes Jahr später Crack.
Zwei Monate darauf Heroin
Drei Monate nach der ersten Spritze verprügelt sie eine alte Frau, um Geld abzugreifen.
Ein Jahr später moderiert sie eine Show auf 9Live.
Du siehst, du hast heute das Leben eines Menschen auf dem Gewissen…
Da kannst du stolz auf dich sein.



19. October 2006 um 20:05 Uhr
amsel sagt,
Es tut mir wirklich leid Herr Bunge, aber das ist nun wirklich total bescheuert.
19. October 2006 um 20:27 Uhr
Kiri sagt,
Das ist Kunst! Kunst muss nicht normal sein!
Bin ich nun ein Schleimer?19. October 2006 um 23:11 Uhr
jd sagt,
.. mmh mach doch mal beim querdenker mit … bin auch gerade ne story am überlegen ;)
20. October 2006 um 09:14 Uhr
Thomas sagt,
Also, ich fands toll. Im Gegensatz zu MC Winkels neuer Tour, nun möglichst alles sehr sehr kritisch, nachdenklich und pseudo-sozial zu betrachten, ist dies doch mal ein ganz anderer Blickwinkel, der natürlich nicht minder kritisch, nachdenklich und
pseudosozial ist und die großen Wirkungen kleiner Taten eindringlich darstellt.Apropos kleine Taten,die aber regelmäßig: Hast du mittlerweile wieder dein Kampfgewicht erreicht? (-:
Nix für Ungut, T
20. October 2006 um 09:57 Uhr
Ninifaye sagt,
Gehen Sie doch heulen!
20. October 2006 um 10:14 Uhr
Thomas sagt,
Aber wohin, verehrte Gräfin von und zu Ninifaye, wohin?
20. October 2006 um 11:30 Uhr
goleo vii sagt,
Alter, in Frankfurt gibt’s meines Wissens keinen Plattenbau. Einen Credibility-Minuspunkt.
Annas weiterer Werdegang ist dagegen durchaus lokaltypisch…Insgesamt also eine schwarze Null.
Wenn ich demnächst mal mit Tuberkulose o.ƒ. 5 Wochen ans Bett gefesselt bin, werd ich dann Ninifayes Version eingehend lesen..
20. October 2006 um 12:07 Uhr
Ninifaye sagt,
@Thomas: ich kenne hier einige Ecken, die sehr zum Heulen sind.
@ goleo ohne Hose: Und das von Ihnnen! Wo bleibt denn der LP (Lokalpatriotisten)-Bonus?