Braunschweiger Weihnachtsmarkt, Tor zur Hˆlle

Ich ertrinke. ‹berall um mich herum Schnurrbärte und herausgewachsene Dauerwellen, die zu Zeiten der zweiten Big Brother Staffel in tiefes Rot gefärbt und seitdem ihrem Schicksal überlassen wurden. Kleine Kinder schreien wie am Spieß und tatsächlich erhasche ich ein Blick darauf wie eins dieser Vorschulmonster in eine Friteuse geschmissen wird. Am anderen Ende der Theke freut sich eine Mittfünfzigerin auf überbackenes Camenbert. Habense sich gedacht, Lady!
G. und die Kleine laufen voraus. U. dient mir als Schutzschild, während wir uns in Richtung Fressmeile durch die Armee der Finsternis bewegen. Niedersächsisches Trompetengut schallt noch vom Rathaus hinter uns her, als wolle es uns verhöhnen, steigen wir doch gerade direkt in die Pforte der Hölle hinab. Ich habe ernsthaft Angst um mein Leben und kralle meine Hände tief in die Jackentaschen, während U. eine alte Frau zur Seite schubst und einen Familienvater mit dem Ellenbogen bewusstlos schlägt. Ein Kind bleibt mit seinem Liebesapfel an mir kleben und ich schleife es noch ein paar Meter hinter mir her, bevor es zu Boden fällt und von den weihnachtenden Menschen begraben wird.
Keine Rücksicht zu nehmen ist in dieser herzlichen Jahreszeit für normal erklärt worden. Der ‹berlebensinstinkt geht über die Nächstenliebe und so kann ich hinter einem Stand zwei Renterinnen dabei beobachten, wie sie einen betrunkenen (sicher), Hart-IV-Schmarotzer (vermutlich) bis auf die Unterhose ausziehen, um ihre mickrige Rente aufzubessern.
Wie Ratten laufen sie übereinander, um für das zehnfache des Einkaufspreises und das einhundertfache seines tatsächlichen Wertes Dinge zu kaufen, die nächste Woche in einen vergilbten Karton bis zu dem Tag verwesen, an dem sie im Keller Platz schaffen müssen, um die Kiste mit den Zeichnungen ihrer auffallend untalentierten und unterbelichteten Enkelkinder zu verstauen, bis der Papiermüll abgeholt wird.
Hungrig bleiben die Kleine und G. vor einer Fressbude stehen, an der sich die Kleine (zugegebenermaßen leckere) Champinions für 3,50Ä das Stück kauft, während G. verzweifelt nach etwas „salzigem“ Ausschau hält. Ich denke kurz darüber nach meine Tränen anzubieten, die sich in den letzten fünf Minuten in meinem Schal gesammelt haben, als ich meine dritte Panikattacke nach dem Socken- und Pantoffelstand überstand. Die Mädchen setzen sich wieder in Bewegung, als sich eine Lücke im System öffnet und gleich wieder schließt. U. und ich bleiben stehen und denken darüber nach unsere Frauen ihrem Schicksal zu überlassen, entscheiden uns aber dagegen, weil sie wirklich und wahrhaftig sogar aus der Hölle als Zombie-Freundinnen emporsteigen würden, um unser Leben auf qualvollste Art und Weise zu beenden, sodass selbst ein Weihnachtsmarkt in Braunschweig wie ein feierliches Fest aussehen würde!
Schließlich entscheidet sich G. für essbare Kastanien (was es nicht alles gibt!), die man an einem Stand bekommt, welches sich gleich neben dem Stand befindet, mit den wohlmöglich leckersten Pfannkuchen der Welt. Achwas, des UNIVERSUMS! Anders können wir uns nicht erklären warum sich eine formschöne unüberschaubar lange Schlange um diverse Buden, Laternen und Straßenstriche bis ins nahe liegende Goslar gebildet hat (wo das Ende der Schlange quasi auch der Anfang ist, weil paradoxerweise die Schlange dort an einem anderen Stand beginnt).
Der Geruch von Fisch lässt U. und mich aufmerksam die Köpfe heben. Schnell lässt sich die Quelle neben einer Nordseebude ausmachen, in Form einer hormongestörten mittevierzig-Kindergärtnerin. Angeregt von dem Vaginalduft der verblühenden Pädagogin bestellen wir uns zwei Krabbenbrötchen, die mit jedem Bissen von der vegetarischen Kleinen appetitanregend mit lautem „Ihr esst Würmer! Iiiih!“ begleitet wird. Doch der Hunger ist größer und so werden die blassen blau/rosanen Krabben in Remulade ertränkt. Nur diejenigen, die sich aus dem Brötchen befreien können, flüchten unter der Bude in der Hoffnung auf ein besseres Leben abseits der Horrorshow auf dem Braunschweiger Burgplatz.
Wir verloren G. und U. als sie sich vergeblich weitere Schaschlikspieße bestellen wollten. Gänzlich von servicebefreiten Aushilfsbratwurstwender umgeben, wurden sie in ein Sog von Fett und billigem Parfüm direkt vor unseren Nasen in eine Bude gezogen, die in einem verdauungsförderdem Senf-Gelb/Menstruationsblut-Rot angestrichen war. Von dem Anblick, das sich selbst in Göbbels Hirn eine Lebzeit eingebrannt hätte, geschockt, flohen wir raschen Schrittes von dem Weihnachtsmarkt der Hölle. Nach wenigen Metern verlor ich meinen rechten Schuh, ein paar Meter weiter die Kleine und als ich gerade die Hoffnung aufgab, jemals wieder gesegneten Boden unter meinen Füßen zu spüren, öffnete sich die Menge und ich stürzte in das gleißendes Licht der freien westlichen Welt.
Weihnachten? Leckt mich..









Wie kann man einen Schuh verlieren? War der auch Vegetarier?