Dieser Beitrag geistert seit ca vier Wochen herum und ich habe es nicht übers Herz gebracht ihn zu veröffentlichen. Vielleicht weil ich selbst nach all den Jahren verdränge, oder einfach weil mir kein Beitrag perfekt genug erscheint, um auszudrücken, was ich empfinde. Es ist ein Thema über das ich teilweise überhaupt nicht rede oder manchmal nicht damit aufhören kann. Der Auslöser warum ich ihn nun doch veröffentliche, diesen Text, ist dieser Beitrag von Roman. Danke dafür.
Als Blogger ist es beinahe meine geheime Pflicht euch in mich hineinschauen zu lassen. Deshalb seid ihr doch schließlich hier, richtig? Ihr wollt zuschauen, mich kennenlernen, euch unterhalten lassen. Oft lese ich einen Beitrag nach längerer Zeit und staune über mich selbst, wieviel ich gerade von mir preisgegeben habe. Dazu gehört sicherlich irgendwann auch dieser Beitrag, aber es ist mir wichtig, dass die Personen, für die ich gerade schreibe, es noch einmal in aller Lautstärke mitkriegen, wie dankbar ich ihnen bin und dazu ist so ein Blog nunmal recht praktisch.
Meine Eltern sind vor vielen Jahren an Multiple Sklerose erkrankt, einer Krankheit, die das zentrale Nervensystem angreift und unheilbar ist. Ich erinnere mich gut daran, wie der erste schwere Schub meine Mutter niederstreckte und ich zusehen musste, wie sie auf dem Bett liegend kaum den Kopf heben konnte, ohne sich zu übergeben. Der Gleichgewichtssinn meines Vaters litt kurze Zeit später unter der Erkrankung, wie auch seine Sehfähigkeit. Die ƒrzte waren ratlos, ist es eben selten bis seltsam, dass die Krankheit bei einem Ehepaar ausbricht. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden um die ganze Welt geschickt und eine Menge ƒrzte hinterließen ratlose Gesichter, oder sowas in der Art.
Ja, „oder sowas in der Art“. Ich weiß nicht sonderlich viel über die Krankheit, weil ich sie mir weg wünsche. Wie heilt man eine unheilbare Krankheit besser, als sie zu ignorieren? Das erste Mal wurde ich überrumpelt, als ich während des Zivildienstes einen Lehrfilm über Multiple Sklerose anschauen musste. Degenerierte, sabbernde Menschen hingen in ihren Rollstühlen, mit verklärtem Blick ihre Umwelt mehr oder weniger wahrnehmend, schienen sie auf den Tod zu warten. Tränenüberströmt verließ ich den Raum und verfluchte den Ausbilder, der den Zivis diesen Film vorführen musste.
In letzter Zeit lässt sich die Krankheit nicht ignorieren. Meine Eltern sind nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Der Staat bezahlt eine erniedrigend kümmerliche Rente in der Hoffnung, dass sie keine weiteren Ansprüche geltend machen und jeden Wunsch, jedes Bedürfnis genauso ignorierend, wie ich es jahrelang mit der Krankheit tat. Neuartige Medikamente werden nur widerwillig bereitgestellt. Ein Lesegerät wurde meinem Vater verwehrt, weil ein Auge immernoch 30% Sehkraft besitzt! Ein förmlicher Brief wurde aufgesetzt, der meine Eltern darum bat Ansprüche auf mehr Rente nicht geltend zu machen, da die Rentenversicherung noch in einem Rechtsstreit verwickelt ist. Da man nunmal nicht das gleiche Rechtsverständnis hat, kann man doch sicherlich verstehen, dass man seine Ansprüche nach hinten hin verlegt, bis die Verhandlung entschieden ist. Jeder bescheißt wo er kann und während ein Rollstuhlfahrer im Stasi-Stil seinem Wahn freien Lauf lässt, dürfen meine Eltern vergebens auf ordentliche Hilfe des Staates warten. Was für eine Ironie.
Wäre da nicht etwas, das fernab von diesem Staat die Hoffnung auf das Gute wach hält. Diejenigen, die keine Bürokratie brauchen, um etwas Gutes zu tun. Menschen, für die es selbstverständlich ist zu helfen. Sie bekommen kein Geld für ihre Hilfe, sie erwarten nicht einmal überschwänglichen Dank, denn es ist selbstverständlich, dass man füreinander da ist. Man wartet vergebens auf einen sich profilierenden Moppel mit Fernseherkameras im Rücken, denn die Menschen in dem kleinen Dorf Frille helfen meinen Eltern wo sie nur können. Allen voran eine Frau, mit der ich eine Zeit lang zusammen war.
J. tobt sich aus. Sie steckte bisher soviel Zeit und Geld in das Haus meiner Eltern, dass ich mich jedesmal fragen muss, ob ich das Haus überhaupt wiedererkenne, wenn ich mal wieder zu Besuch bin. Kann sich irgendwer vorstellen, wie ein ausgewachsenes Café im Wohnzimmer meiner Eltern aussehen wird? Ich auch nicht, werde es aber in Kürze erfahren.
Ihre Leidenschaft meinen Eltern ein schönes Heim zu schenken kostet sie viel Geld und Zeit. Das ist ihr nicht nur egal, sie tut es, weil sie es gerne tut. Das macht sie zu einem der besten Menschen, die ich kenne.
Reperaturarbeiten werden von den Nachbarn und Freunde der Nachbarn wie selbstverständlich erledigt. Der Rasen wird gemäht, die Hecke geschnitten, die Blumen gedüngt. Und als dieses neue Auto vor der Tür stand, konnte ich meinen Augen kaum glauben! All diese Menschen aus naher und nicht so naher Umgebung opfern ihre Zeit und teilweise auch eine Menge Geld und das aus einer Selbstverständlichkeit heraus, dass ich mir oft wie ein schlechter Sohn vorkomme.
Ich bin geplättet und dankbar dafür, dass ihr euch diese Zeit nehmt und meinen Eltern das Leben dermaßen erleichtert. Ich kann nicht jedes Wochenende all diese Kilometer zurücklegen, um einen Teil dazu beizutragen, aber ich möchte an dieser Stelle Danke sagen, so laut es geht. Und wie kann ich es lauter sagen, als über dieses Weblog?
Ich komme mir komisch vor, wenn ich etwas spende. Ich gebe zu, dass ich es sehr selten tue. Es ist ein bisschen wie das Gewissen beruhigen, aus der Entfernung. Ich bin mir sicher, dass es den meisten von euch nicht anders geht. Ich fordere jetzt auch keinen von euch auf, auf folgende Seite zu gehen und sein letztes Hemd zu spenden. Ich erspare euch ebenso die „Jeder Euro zählt“-Nummer, weil ihr sie in- und auswendig kennt. Es reicht mir schon, wenn ihr einfach nur einen Link setzt, um darauf aufmerksam zu machen.
Danke.