Mein Kampf

HitlerkatzeIch bin ein Gefahrensucher. Ich bin der Typ, der auch mal auf dem falschen Bürgersteig mit dem Fahrrad fährt und es locker wegsteckt. Ich esse drei Tüten Salz und Essig Chips und drücke noch eine vierte rein, mir der Gefahr von amtlichen Bauchschmerzen voll bewusst. Ich rempel alte Frauen im Pelzmantel an und früher warf ich meine Kippen lieber in offene Polizeiautos, als auf die Straße und…

…und ich höre mir Serdar Somuncu an, wenn er aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vorliest, während ich gerade im Studio unter 50 35 Kilo Gewicht liege. Mir ist es auch egal, dass die 130 Kilo Muskelmasse neben mir denkt, dass ich über sein enges Höschen kichere. Der kann mir mal garnichts.

Und dann änderte sich Serdars Ton:

[…] Denn ich komme hier nicht als Türke hin, um anzuklagen, sondern ich rede über uns Deutschen, die wir in Deutschland leben. Ich lese vor vielen Schülern und vor anderen Leuten, vor erwachsenen Alten, vor nichtdeutschen Deutschen, egal wem. Und ich stelle oft fest, dass Sätze wiederkehren. Stereotype Sätze. Beispielsweise: „Ich kann das alles nicht mehr hören.“, ist so ein Satz. oder: „Wir sind das doch nicht Schuld.“, ist ein anderer Satz.

Aber ich hab gemerkt, dass ich persönlich das sehr gut hören kann. Ich hab das so oft schon gelesen und ich höre es immer wieder und ich kann dabei die unterschiedlichsten Dinge mischen. Und ich merke, dass das Publikum das auch kann. Dass diese Ambivalenz aufrecht zu erhalten wichtig ist, um Bewegung zu erzeugen und dass diese Bewegung wiederrum richtig ist, um nicht zu spät zu sein, wenn persönliche Stellungnahme erforderlich ist. Das ist eine Binsenwahrheit, um das mit Adolf Hitler zu sagen. Meistens ist man nämlich zu spät. Meistens sind die Klugscheißer, die vor oder nach dieser Lesung oder anderen Projekten eine gute Meinung haben, verschwunden, wenn man sie braucht. Dann stehen die Leute hinter der Gardine und schreiben kluge Aufsätze über politisch korrektes Verhalten, aber da sind sie nicht, wenn Leute angepöbelt werden, wenn Häuser brennen, wenn’s darum geht das Maul aufzumachen, auch wenn’s gefährlich ist.

Wenn’s darum geht um die neuralgischen Punkte des deutschen Bewusstseins zu fahren, und den Finger vielleicht sogar auf die Wunde zu legen, dann werden hastig Betroffenheitsketten, Lichterketten gebildet. Dann wird Farbe bekannt, dann gibt es ein Aufstand der Anständigen, obwohl es schon seit Jahren Nazis gibt. Und Leute sterben.

Wenn Lichterketten gebildet werden, dann sind die Leute meistens tot. Und das ist doch ein Anlass zu sagen: An unserer Haltung stimmt etwas nicht. An der Haltung derer, die unsere Haltung beeinflussen, dadurch, dass sie Bücher verbieten, stimmt etwas nicht. Wie können wir in der Gegenwart gewappnet sein, wenn wir die Erkenntnisse der Vergangenheit noch nichtmal kennen? Was sollen wir damit in der Zukunft erst anfangen?

Das hat mich nachdenken lassen. Insbesonders über eine Mail, die ich vor ein paar Tagen bekommen hatte, die mich darauf aufmerksam machen wollte, dass Youtube Nazikram verbreiten lässt. Ich hatte bereits flüchtig davon gelesen und auf die Ablage „Warten wir es mal ab. Das klärt sich schon.“ abgelegt. Das Mädchen hingegen, das mir diese entrüstete Mail geschrieben hat, fragte mich um ihre Hilfe. Sie wollte, dass ich darauf aufmerksam mache, weil ich doch ein Blog besitze. Sie wollte selber eine Petition ins Leben rufen, eben alles ihr mögliche in Bewegung setzen.

Und ich? Ich wollte abwarten.

Ich glaube schon lange nicht mehr daran, dass Demonstrationen etwas bringen. Dass unsere Stimme zwar wahrgenommen, aber nicht ernstgenommen wird. Ich habe meinen Glauben darin verloren, weil mir die Proteste um den G8-Gipfel, oder gar die unzähligen Menschen auf der Straße, die gegen Hartz IV protestierten, nicht aus dem Gedächtnis gehen.

Und sind wir mal ehrlich: Was bringt es? Geldgeile Säcke werden weiterhin abmahnen, um ihr Pormonaie zu füllen. Die Bundesregierung bringt jetzt ihren Bundestrojaner auf den Markt, und das obwohl sie selber Opfer eines chinesischen Exemplars geworden sind (zum Glück ist nichts schlimmes passiert).

Wir protestieren, wir führen ihnen ihre Fehler vor und es ändert sich nur etwas, wenn „sie“ vor etwas Angst haben. Jeder ist auf seinen Vorteil aus und ich stumpfe solange ab, bis ich sage: Bringt euch in Sicherheit, kümmert euch um euch selbst, eure Familie und denjenigen, die euch nah sind. Wenn ihr die Möglichkeit habt, helft den Bedürftigen, den Hilflosen, soweit ihr es könnt, aber verlasst euch nicht darauf, dass es jemanden gibt, der Entscheidungen über euer Leben trifft und sich gleichzeitig dafür interessiert.

Ich wünschte ich wäre wieder mehr wie das Mädchen, das mir schrieb.

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