Ihr grˆsstes Geschenk

Vorbei an einer Lawine von silbernen Mittelklasseautos. ‹berall Schnurrbärte, die ich nicht verstehe und kunterbunte Jacken, unter seligen Gesichtern, die sich eiligst auf dem Weg zur Pflicht machen, um mit dem Abschlussglockengong die Kür einzuläuten: Lärmende Kinder ins Auto verfrachten, damit sie das bekommen, das ihnen zuzustehen hat. Ihre Mittelmäßigkeit widert mich an und ich ignoriere ihre vermeintlich freundlichen Weihnachtsgrüße, während der Hund an der Leine zieht. Auch sie kann es nicht erwarten sich aus diesem hässlichen Pulk zu befreien und zieht zielstrebig in die Seitenstraße, die zu den Feldern führt.

Die Glocken werden leiser und die Ruhe nach dem Adrenalinsturm kehrt langsam ein. Ich bemerke plötzlich die fehlenden Kopfhörer, die ein fester Bestandteil der letzten Monate meines Lebens geworden sind. Aber verblüffender ist, dass mir nicht der Gedanke kommt den Player einzuschalten und mit The Album Leaf die gewünschte Ruhe zu verschaffen, denn sie ist schon da. Sie kreist mich ein, zieht mich nach unten und küsst mir sanft die Stirn. Mein Herzschlag verlangsamt sich und die einkehrende Kälte, durch die durchgelaufenen Sohlen, die noch Spuren der Großstadt an sich tragen, sagt zart Hallo. Ich erwidere den Gruß und lasse sie in die Schienbeine und Knie einziehen.


Der Hund verschwindet aus meinem Blickfeld und ich schaue aus meinem Buch auf, um sie zu suchen. Stille. Ruhe. Nebel zieht seine dünstigen Kreise über die grünen Felder, die das stärkste Kontrast zu der ansonsten toten Natur bietet, die ich mir… nein, so etwas konnte ich mir nicht vorstellen. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen und kriege den Mund nicht zu. Die Sonne geht in den Endspurt.

Ich schließe ab und versuche die letzten Worte aus meinem Kopf zu befreien, während meine Füße den Rest übernehmen und mich in die Mitte des kahlen Feldes führt. Ich fasse nicht wie groß ich bin und wie klein der Rest der Welt ist. Drehe mich im Kreis. Grün, Braun, Blau, Schwarz, Grün, Braun, Blau, Schwarz, Grün…

Mir wird schwindelig und der Hund legt den Kopf zur Seite. Seit Ewigkeiten ist es still in meinem Kopf. Ich weiß nicht wann es das letzte Mal soviel Platz darin gegeben hat und gehe in die Hocke. Stehe auf und gehe wieder in die Hocke. Die Welt verändert sich von klein zu riesig, um dann wieder zu schrumpfen.

Ich denke schon seit einer halben Stunde nicht mehr daran das Buch weiterzulesen, um endlich zum langersehnten Ende zu kommen. Zu sehr habe ich Angst vor der wiedereinkehrenden Wut (Alice, Jugendliche, Geldgeldgeldgeldgeld…). Stattdessen genieße ich es, der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der diesen Krieg überlebt hat. Und wenn ich nicht der einzige bin, so habe ich zumindest den gebührenden Abstand zu dem restlichen Abschaum geschaffen.

In einem anderen Leben wäre mir das nicht möglich gewesen. In einer anderen Welt hätten sie mich dazu gezwungen nach der ersten Ausbildung einen anständigen Beruf auszuüben. Sie hätten mir gezeigt, wie ich mich anzupassen hätte. Spätestens mit Mitte 20 hätten sie Enkelkinder erwartet, von einer pompösen Hochzeit im Dorfe mal abgesehen. Jeder Aufstand aus meinem Munde hätten sie im Keim zu ersticken gewusst und wehe wenn ich ihnen widersprochen hätte.

In einem anderen Leben hätte ich mich angepasst, würde einen silbernen Mittelklassewagen fahren, hätte einen Hund, Haus, Frau, zweikommenochwas Kinder und ganz bestimmt nicht die Möglichkeit ihnen mal gehörig die Meinung zu blasen – in gleicher Augenhöhe.

Ihr größtes Geschenk war ist der Respekt und die Möglichkeit Freiheit zu schmecken. Vielleicht haben sie einfach aufgegeben, weil ihre Wut zwar größer als meine ist, aber meine soviel Schaden hätte anrichten können, dass die Verluste unzählbar geworden wären. Vielleicht haben sie sich auch einfach nur dafür entschieden mich all das machen zu lassen, was ihnen auch offenstand.

Scheiß auf Weihnachten. Braucht kein Mensch. Die beiden schon.

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