Offene Worte…
Sehr geehrter Herr X,
ich möchte mich mit den folgenden Worten in der Art eines kleinen Gedankenspiels an Sie wenden. Nehmen wir dazu einfach an, Sie seien ein Romanautor, ein recht berühmter dazu und ich wäre Lektüre in der ein oder anderen Form nicht unbedingt abgeneigt. Dann wäre es doch durchaus vorstellbar, daß wir beide irgendwann zusammenfinden: Sie mit einem schon etwas in die Jahre gekommenen Werk und ich als Leser, dem Ihr Tun durch Empfehlungen nahe gebracht wurde. Spinnen wir den Faden weiter: Ihr Werk (immerhin wären Sie dafür mit höchsten Weihen bedacht worden), mir irgendwann vor Jahren als Geschenk zugeflogen, könnte es nach langem Aufenthalt in meinem Regal just nach dem letzten Jahreswechsel geschafft haben, bei mir endlich den berühmten Fuß in die Tür zu bekommen. Wahrscheinlich hätte es deshalb so lange gedauert, weil mich der Titel stets eher abschreckte als anzog. Aber natürlich, durch Ihre berühmten Studien, die mich manchmal vielleicht an Hemingways Der alte Mann und das Meer erinnert haben könnten, käme ich natürlich nie auf die Idee, hinter dem Cover einen Kitsch-Roman zu vermuten. Rot eingefärbt wäre es… eine Signalfarbe. Ich hätte gewarnt sein können.
Ich hätte also angefangen zu lesen und vielleicht würde die Handlung ganz nett und leicht vor sich hinplätschern und auch das Setting wäre nicht uninteressant. Ich denke da an einen warmen Ort, weit weg von Europa und dann die Zeit… wahrscheinlich sollten wir die Uhr einfach etwas mehr als hundert Jahre zurückdrehen, was meinen Sie? Immerhin, es geht ja nur um Gedanken.
‹brigens eine etwas einseitige Arbeitsteilung, was wir hier veranstalten. Sie hätten Ihre Phantasie bereits in Buchform verbreitet, darum fällt mir nun die Aufgabe, darum eine Geschichte zu spinnen, alleine zu. Doch ich will am Ball bleiben. Was könnte dann passieren? Ich finde, langsam müsste doch endlich etwas passieren. Okay, lassen Sie mich kurz nachdenken. Was halten Sie davon: Ich könnte einen „leeren“ Tag erwischen. Einen Tag, der sich beispielsweise durch einen Nachmittag in Cafésesseln füllen ließe, am Besten mit Ihrem Buch als Lektüre. Die Uhr würde sich drehen, Seite um Seite und irgendwann, sagen wir doch der Einfachheit halber ziemlich genau in der Mitte des Bandes, würde ich langsam anfangen, mich am Kopf zu kratzen. Erst ganz unscheinbar, doch dann immer auffälliger, denn das, was mir da durch Buchstaben, Wörter und Sätze entgegenspringen würde, könnte durchaus eine Art Molotow-Cocktail für mein Gemüt sein. Ein geistiger Brandsatz.
Es wäre der Protagonist, dieser Mensch und Spiegel, der es schaffte, mich zu beunruhigen. Denn ich stelle mir vor, ich würde Ihn kennen und könnte mich selbst in ihm erkennen. Er ginge einen Weg, er würde denken, reden, handeln und bei alledem könnte er Entscheidungen treffen und Folgerungen ziehen, die mir selbst in Details nicht neu wären… und das alles in längst vergangenen Jahren an einem gänzlich anderen Ort. Wie gesagt, Sie wären natürlich der Erste gewesen, der Platzhirsch. Ihr Buch hätte mehr Lenze als ich auf dem Buckel. Doch denken Sie doch einfach mal etwas mit: wie würden Sie sich in diesem Falle fühlen? Hätten Sie nicht den Eindruck, Sie seien lediglich ein Abziehbild oder die Parodie eines Anderen? Sehen Sie!
Der Mensch ist letzten Endes schwach und deshalb vertraue ich darauf, daß Sie es mir nicht übelnähmen, gesetzt den Fall, wir folgen immer noch dem gesponnenen Faden, wenn ich Ihr Buch daraufhin still und leise „beerdigen“ würde. Ich kappe die Verbindung zu Literatur wirklich nur sehr ungern irgendwo mittendrin, doch hier wäre es nun an der Zeit… Ich würde mir das letzte Viertel verkneifen und das Buch irgendwo im hinteren Teil meines Schrankes vergraben. Es würde dort liegen, Jahr um Jahr, bis ich irgendwann vergessen hätte, daß es überhaupt existiert…
Es verbleibt mit freundlichen Grüßen
Ihr P.B.









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