In dem Punkt

In dem PunktEs gab einmal einen kleinen Jungen, der nichts anderes konnte, als ein bisschen malen. Dieser Junge war ein sehr trauriger Junge, denn abgesehen davon, dass er keine Freunde hatte, der kleinste in der Klasse war und nicht einmal richtige Pickel kriegen konnte, wusste er nur eine Antwort auf die Frage, was er denn später werden wolle:

Dein Vater, du Schlumpfscheiße-Klon!“ (das sagte man so, Anfang der 90er.)

Ja, dieser Junge pubertierte sehr vor sich hin und als dann der entscheidene Tag kam, an dem jeder aus seiner Klasse ihre ersten Schülerpraktumse (?) vorstellen mussten, malte dieser kleine Junge einen besonders großen Totenschädel, mit Blutgerinseln aus den Augenwinkeln und Ratten aus dem Mund kommend. Nein, er hatte natürlich keinen Platz für ein Schulpraktikum. Dafür aber einen fürsorglichen Biologielehrer, der nicht nur ein Auge für das Talent des Jungen hatte, sondern auch entsprechende Kontakte. Und so trug es sich zu, dass das kleine schwerpubertierende Arschloch in eine Mindener Werbeagentur landete. Drei Wochen lang malte der Junge wie besessen, entdeckte Farbverläufe in Corel Draw, viele viele Schriften (möglichst auf einem Blatt kombiniert) und Silvia. Silvia war brutal alt (mindestens mitte zwanzig. Min-des-tens!), aber wunderschön. Ihre strahlend blauen Augen schauten Malco… dem kleinen Jungen tief in seine Seele und befreite ihn drei Wochen lang von seiner pubertätsbedingten Depression.

Schneller als er einen Pickel ausdrücken konnte, war die Praktikumszeit vorbei. Der kleine Junge war fest davon überzeugt nun alles über Werbegrafik zu wissen und zählte die Tage, bis er mit der Realschule fertig war, um endlich mit Silvia ein Leben in Saus, Braus und Koks zu verbringen. Das Leben eines echten Werbers, eben. Aber er sollte sich täuschen, denn kaum hatte er sein auf Karo-Papier zurecht gelogenen Lebenslauf mit einer freundlichen Absage zurückbekommen, zerbrach der Traum eines Lebens als Werbegrafiker. Aber anstatt sich davon niederringen zu lassen, packte ihn ihn sein Ehrgeiz und er ließ sich zu einer vielversprechenden Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten hinreißen, was im Endeffekt soviel heißt wie: „Du hast zwar in den letzten drei Jahren gut gebumst, aber das Zeugnis kannst du höchstens dafür nutzen umsonst auf Behindertenparkplätzen zu parken, wenn du es gut sichtbar in die Frontscheibe legst.“

Nach schallendem Gelächter seitens des Besitzers einer Werbeagentur (keine 200 Meter von der Agentur entfernt, die in ihm das Licht des Grafikers entfachte), ließ sich der inzwischen zu einem jungen Mann herangewachsene Junge davon überzeugen sich weitere Schmach zu ersparen und lieber noch eine Ausbildung zu einem „Mediengestalter für Digital- und Printmedien“ zu absolvieren. Und das in ihrem Haus. Na, wenn das mal kein nettes Angebot war. Und so stellte sich der junge Mann seine Visitenkarte vor, die besagte, er wäre ein gottverdammter Mediengestalter für Digital- und Printmedien und damit nichts anderes sein sollte, als der Schlüssel zu Macht, Ruhm, Sex und Drogen.

„Was machst du so?“ – „Ich bin Mediengestalter. Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Hier meine Karte.“ – „MUAHAHAHAHAHA!!!“

Keine seltene Reaktion, die mitunter mit der hohen Anzahl der Umschüler in seiner Berufsschulklasse zu tun haben könnte. Eine Welle von zurecht schwer vermittelbaren Mediengestaltern für Digital- und Printmedien überschwappte Deutschland. Lediglich ein kleiner Prozentsatz erwies sich als fähige Kraft, doch sie (wodrunter auch der junge Mann zählte) fanden nur schwerlich eine Arbeit, denn der bittere Nachgeschmack einer ganzen Generation von gestalterischen Versagern verwässerte die Suppe des ansonsten ganz bestimmt optimistisch angelegten Berufszweigs.

Jahre zogen ins Land und der junge Mann wurde alt älter. Inzwischen arbeitete er jahrelang in einer Agentur an der Oker und hatte beschlossen, dass das nicht alles sein kann. Ewig nur der Mediengestalter für Digital- und Printmedien zu bleiben, ist ja auch kein Leben. Und so zog es ihn an die Spree, damit auch er endlich etwas vorzuweisen hat, was nicht mit lautem Lachen quittiert wird: Einem richtigen Studiumabschluss. Ein Lotterleben. Saufen, schlafen, ab und zu in die Bücher schauen und dafür am Ende einen vorzeigbaren Abschluss haben. Ein Traum!

Und dann schloss sich der Kreis, als in seiner Mailbox die Mail einer Werbeagentur auftauchte , die den inzwischen sehr großen Jungen darum fragte, etwas für sie zu bauen.
Es war die Werbeagentur aus Minden, mit der alles begann.

Ob Silvia wohl noch dort arbeitet? Die muss doch jetzt uralt sein! Mindestens anfang 40!!!

7 Antworten auf „In dem Punkt“

  1. du sagst den job ja hoffentlich ab! denn bauen sollen gefälligst die coder nich die grafiker… außerdem sind bald prüfungen! tsssss

  2. mal eine ganz blöde frage: du warst mal in irgendeiner klasse DER KLEINSTE? hab ich das richtig gelesen? dann musst du aber irgendwann mal einen mächtigen zwischenspurt hingelegt haben. ;o)

  3. ha ha ha! das klingt aber als wenn der junge ein ziemlicher trottel gewesen sei. hat sich bestimmt immer in so fantasiewelten geflüchtet. zum beispiel könnte ich mir vorstellen, das der irgendwann gedacht hat, das wolverine der grösste sei. oder so einen quatsch…

  4. Immerhin hatte er noch soviel Realitätsbewusstsein im Blut, um nicht auf die schiefe Bahn zu gelangen. Oder wie ich immer gerne sage: Superman für einen coolen Superhelden zu halten!

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