Der Trend geht zur Zweit-Pubertät
Ich verachte Jugendliche leidenschaftlich. Das habe ich schon immer getan, was zur Folge hatte, dass ich vor knapp 15 Jahren eine sehr schwere Selbstfindungsphase durchlebte, die neben eines amtlichen Selbsthasses, zu der allgemeinen Zustimmung führte: Ich war scheiße.
Heute trafen wir uns mit einem befreundeten Ehepar, die Eltern dreier entzückender Kinder sind. Eines davon erreicht morgen die kritische Grenze und wird mit ihren frischen fünfzehn Jahren ihren Eltern von der Existenz des Antichristen im eigenen Haus überzeugen. Ansätze eines kleinen Vorgeschmacks in Form von „OoooOOOHHhhhHH… MAMA!“s bis zu handelsüblichen „Ey, das habe ich schon tausend mal gesagt“s gab es schon kurz vor dem Essen, lediglich unterbrochen vom Zücken des Handys mit wütendem Geklopfe auf der Tastatur.
Wie das so ist, wenn man auf die 30 zusteuert, kommt das Gespräch auf meine bevorstehende Zweit-Pubertät: Die Mid-Life-Crisis. Ich schaue mir das angepickelte Mädchen gegenüber nochmal an und verstehe urplötzlich wieder ihre Wut. Mathematisch bin ich zwar doppelt so alt wie das Mädchen und tatsächlich alterstechnisch näher an ihre Eltern, als an sie, aber ich verstehe sie blendend, denn so scheiße Jugendliche auch sind und auf die Gefahr hin verständnislose Blicke zu ernten und eine große Leserschaft zu verlieren: Unter ihrer verachtenswerte Schminke, hinter ihrem miesen Musikgeschmack und tief in ihrem schwarzen Herzen, sind sie doch Menschen wie du und ich. Menschen die sich zwar nicht anziehen und artikulieren können, aber immernoch Menschen. Und hier setzt meine verständnisauslösende Zweit-Pubertät ein, denn urplötzlich fühle ich mich wieder einmal nicht zugehörig. Bin weder erwachsen, noch jugendlich. Höchstens ein kleines bisschen von biologisch bedingtem Verfall befallen.
Ich bin intolerant, ich hasse Spießigkeit und möchte…nein, bin sogar aus einer Welt ausgebrochen, die alles symbolisiert hat, was ich verachte: Stillstand. Haus, Kombi, 2,37 Kinder, Oberlippenbart und Sonntags zum Kegeln? Bitte nicht! Mein Musikgeschmack ist nicht festlegbar, hat aber mit den Jugendlichen gemein, dass ich darauf achte, was ich höre. Nun ist es zwar das exakte Gegenteil von dem was sich der durchschnittlich degenerierte Jugendliche reinzieht, denn ich lege sehr viel Wert drauf, dass es nicht auf einem BRAVO-Sampler zu kaufen ist, aber ich erwische mich ab und an dabei Musik scheiße zu finden, weil die Masse es mag.
Meine Eltern sind mir wieder/immernoch (so ganz konnte ich das nie bestimmen) peinlich und sie wissen es (hallo Mutti!). Ich habe Probleme mich korrekt „meinem Alter entsprechend“ anzuziehen und werde bockig, wenn jemand mein Fernseherprogramm umschaltet. Wenn mich jemand morgens zu früh aus dem Bett wirft, während des Surfens am Rechner stört oder einfach nur aus meiner Gedankenwelt reißt, kriege ich im schlimmsten Fall einen mittelschweren Wutanfall. Wenn die Kleine nicht da ist, esse ich nur Blödsinn und trinke zuviel Alkohol. Ist jemand anderer Meinung als ich, kriegt er die volle Breitseite ab und ich nehme weder Rücksicht darauf, dass die Person dreimal so alt ist wie ich, oder nur ein Zehntel: Wer mir widerspricht, kriegt verbal aufs Maul.
Ich habe in den letzten Monaten viel zu oft gehört, dass 30 zu werden schlimmer wäre, als die 40er Grenze zu überschreiten. Je näher ich aber dem Tag komme, an dem ich zum ersten Mal vergünstigt auf einer ‹-30-Party komme, desto mehr geht mir die Sonne auf! Biologisch 30, mental 20 zu sein kann viele Vorteile mitbringen! Diese „Lebenserfahrung“ von der alle erzählen, setzt langsam ein. Ich verliere zwar Haare, aber endlich ist es mir scheißegal. Es wird schwieriger die Figur zu halten und ab und zu kriege ich ansätze der Zweitpubertät in Form von radikaler Bartabnahme und verzweifelte Durchforstung meines Kleiderschrankes, aber die Symptome legen sich, sobald mir klar wird, dass in der Ruhe nicht nur Kraft, sondern eine herrliche Stressvermeidung liegt.
Beim Abwaschen kam es dann endlich zu dem Gespräch, auf das ich seit langem baue: Malcolm (15) fährt Malcolm (29) an und wirft ihm vor langsam erwachsen zu werden. Ich kann ihn beruhigen, denn ich verachte sie immernoch, die Jugendlichen, sowie die spießigen Erwachsenen, aber während Malcolm (15), neben einem unfassbar miesen Klamottengeschmack, mit schweren Artikulationsschwierigkeiten und übelen Argumentationsketten zu kämpfen hat, kann Malcolm (29) endlich aus Erfahrung sprechen, warum „Die Erwachsenen“ und Jugendliche an und für sich scheiße sind.
Ich bin froh, dass die Zweit-Pubertät gerade während meines Studiums beginnt. So wird sie zwar von Unsicherheit genährt, wenn ich darüber seniere, dass mein Lieblingskommolitone genausoviel jünger ist, wie mein Lieblingsprofessor älter, aber dann wird mir bewusst in welch einer gemütlichen kleinen Nische ich mich verkrochen habe. Wenn das wirklich die angeküdigten Vorboten meiner Midlife-Crisis/Zweit-Pubertät sind, freue ich mich auf den Rest und scheiße auf die 30.
Und auf Jugendliche. Ihr miesen Parasiten – werdet endlich erwachsen!
D‘Oh!









Mach dir mal keine Sorgen. Wenn die Altersuhr auf 30 umspringt, passiert genau so viel, wie damals beim Milleniumswechsel. Genau … nix.
Stimmt, wir sind doppelt so alt, wie pubertätsgeplagte Teenager. Doch die Tatsache, dass die Zahl der Jahre, die ich noch bis zur Rente vor mir habe, höher ist, als mein aktuelles Alter, lässt mich beruhigt durchatmen.
Zum Erwachsenwerden ist noch so viel Zeit.