In the long run…
Narben erzählen Geschichten. Zumindestens ist das meistens so. Dann sind sie so etwas wie die Kerben oder Signaturen, die man in einen Baum ritzt und die man möglicherweise auch noch Jahrzehnte später erkennen kann. Das Praktische dabei ist jedoch, daß es auf Außenstehende wie eine Fremdsprache wirkt, eine Keil- oder Symbolsprache, die nur ein Individuum entziffern kann.
Nimmt man also an, daß mit jedem Jahr, welches man altersbedingt voranschreitet, die Wahrscheinlichkeit, Narben davonzutragen, steigt, dürfte mein Quote inzwischen eine ganz ordentliche sein oder anders ausgedrückt: je näher man der ‚alter Sack‘-Periode kommt, desto mehr Striche und Bögen sollten nach Adam Riese und Eva Zwerg den Körper verzieren.
Nun, irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wer oder besser gesagt was da so alles seine Spuren hinterlassen hat. Doch einige Begebenheiten haben sich in mein Gedächtnis gegraben und ich sehe die Bilder noch vor mir, als sei es erst gestern gewesen.
Es war kurz nach Beginn der neuen Zeitrechnung, als ich im Zuge der Belagerung von Magdeburg mit meiner gesamten Sippschaft fliehen musste. Die Kaiserlichen schossen mit brennenden Pfeilen über die Mauern und setzen das Dach des Hauses in Brand, in dem wir uns zu der Zeit verborgen hatten. Zwar gelang uns die Flucht, doch der Funkenregen versengte nicht nur den Haarzopf, sondern fraß sich an zwei Stellen auch durch meinen Wams. Seither prangen zwei, zugegeben mittlerweile beinahe unsichtbare, Brandnarben auf meiner linken Schulter.
Ein weiteres Andenken kann ich täglich auf meinem Oberschenkel bewundern. Wir hatten mit der Resolution einen Bruch des Achtermastes und wollten diesen auf der dritten Expedition in die Südsee auf Hawaii reparieren. Leider hatte es sich unser Kapitän schon zuvor mit den Einheimischen verscherzt und als er zur Strafe für mehrere Diebstähle den Sonnenkönig als Geisel mitnehmen wollte, kam es zum offenen Konflikt. Er selbst bezahlte diese Torheit mit dem Leben. Zwar wollte er die Menge noch durch einen Schrotschuss in Schach halten, doch die ‹berzahl war zu erdrückend und sein erschrockener Blick, als er, von einem Speer durchbohrt, in den Sand fiel, war das Letzte, was ich von ihm gesehen habe. Wir Andern konnten uns jedoch um Haaresbreite auf ein Ruderboot flüchten und zur Resolution zurückrudern. Die Wunde, die mir ein hawaiianischer Pfeil dabei über einige Distanz per Streifschuss zufügte, ist jedoch nie mehr gänzlich verheilt.
Und so ging es dann immer weiter, Jahr um Jahr. Die Zeit heilt zwar alle Wunden, doch die Schatten kann sie nicht vollständig vertilgen. Es kamen bis heute noch viele Narben hinzu und alle erzählen sie Geschichten. Bei den meisten lohnt es sich, sie nicht zu vergessen…









Du Armer musstest wirklich schon viel erleben.
Aus dem Konfessionskrieg habe ich auch viele Wunden tragen müssen.
‹ber die Seefahrten mit Captain Cook müssen wir zwei ja garnicht erst
reden. Wir sind halt nicht mehr die Jüngsten.