Wasser…

Kollege Pearl Jens ist bei Unterrichtsvorbereitungen auf eine Kurz-Kurzgeschichte gestoßen, die einstmals in den 90ern einen Wettbewerb der New York Times gewonnen hat. „Die musst du unbedingt mal googeln! Ich bin mir sicher, sie wird dir gefallen. Ach und lass dich nicht vom ersten Eindruck abschrecken.“ Gesagt, getan…

Water von Fred Leebron

She touches his hair by the river.
I am in our apartment, working. Her hand moves down his back.
I empty the trash and unclog the kitchen sink. His former girlfriends have turned
into lesbians.
I take the key to his apartment, which he gave me so I could water his plants
during the summer. He bends his kissing face to hers.
I walk over to his apartment, just two blocks away. Their legs dangle in the river.
I unlock the door and bolt it behind me. The room smells of feet and stale ashtrays.
In the kitchen is a gas stove. I turn it on without lighting it.
Down by the river is a flock of geese, which they admire while holding hands.
Soon he will take her back to his apartment. Soon they will lie there, readying cigarettes.
I relock the apartment and slip into the street. The air smells of autumn, burnt. In
the sky, birds are leading each other south.
I know there is nothing left between us, that she looks at me each morning as if I
were interrupting her life.

Nach dem ersten Lesen dachte ich noch ‚???‘… Unmittelbar nach dem zweiten Lesen dachte ich noch ‚???‘, aber kurz darauf kam ein ‚Mooooment mal…‘ und schließlich, nach der dritten Lektüre, machte es dann Klick. Ein wirklich interessantes Stück Literatur. Bleibt das Werk doch ohne ein klar zu erkenndes Setting, ohne Hintergrund, ohne klare Intentionen für die Handlung, aber dennoch in seiner Komplexität sehr beeindruckend. Das Ganze erscheint zunächst sehr harmlos und wird dann schließlich in der angedeuteten Kaltblütigkeit sehr erschreckend. Die Gewalttätigkeit schwingt sozusagen durch den Subtext, indem die tödlichen Konsequenzen aus aneinandergereihten profanen Handlungen bewusst werden.

„Ich bin mir sicher, sie wird dir gefallen…“ Da hat jemand eine wirklich ordentlichen Vorstellung von meinem Geschmack.

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