Religion/Ethik – Volksentscheid in Berlin

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Hier in Berlin hängen Plakate wie diese, die, zumindest bei mir, bis gerade eben für reichlich Verwirrung sorgten. Jedesmal wenn ich daran vorbei lief, dachte ich mir noch „Was heißt hier ‚Nein zum Wahlzwang‘?“ Wählen ist doch super! Was wäre das Gegenteil – „Ja zum ‚Wir übernehmen die Entscheidung für euch!‘“? Wenn ich zur Wahl gehen würde, würde ich promt mit „Ja“ abstimmen. Dabei ist es garnicht das, was ich vertrete.

Es ist ja nicht so, dass ich gegen eine Wahlfreiheit wäre, es ist nur so, dass ich die Thematik falsch verstanden habe. Die Sache sieht nämlich nicht so aus, dass die Wahlfreiheit eingeschränkt werden soll, sondern das genaue Gegenteil! Immerhin darf man freiwillig zum Religionsunterricht gehen. Oder eben nicht. Das soll jetzt allerdings geändert werden, wenn sich die Gruppe der Pro-Reli durchsetzt.

Dass der Ethik-Unterricht eigentlich zu wünschen übrig lässt, habe ich vor kurzem von meinem Pearl-Jens gehört, der gerade die Freuden des Lehrerseins erfährt. Ein Zustand, den er sicherlich besser beurteilen kann, als ich. Ob das nun ein Argument für die Einführung von Religionsunterricht an Berlins Schulen ist, lasse ich mal dahingestellt sein.

Wenn man, wie ich, seine Meinung in den letzten Wochen anhand von den irreführenden Plakaten gebildet hat, und nicht (wie es eigentlich sein müsste) durch persönliches Informieren, wird man bei der anstehenden Wahl am 26. April wohlmöglich der „falschen“ Seite seine Stimme geben. Heute Morgen wurde ich allerdings aufgerüttelt, als ich bei Deutschlandradio ein Interview mit Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, hörte, der sich sehr seltsamen Fragen stellen musste (Liebe Frau Interviewerin: Niemand behauptet, dass wir vom Affen abstammen!). Zu hören gibt es Herrn Schmidt-Salomons Argumente gegen die Einführung von Religion als Pflichtfach hier.

So habe ich mich gerade, während des Colormanagement-Seminars, den ich als Pflichtrfach gerne mal abschaffen würde, mal bei den beiden Seiten erkundigt was sie überhaupt wollen. Starten wir mit der Pro-Reli-Seite, die dafür sind Religionsunterricht einzuführen, so wie es im Rest der Republik der Fall ist:

Berlin lebt von seiner kulturellen Vielfalt. Diese gilt es zu respektieren. Daher soll jeder in seiner religiösen und kulturellen Identität ernst genommen werden. Gerade in einer multikulturellen Stadt wie Berlin ist es wichtig, nicht alle Menschen unterschiedslos über einen Kamm zu scheren. Ethik als Zwangsfach behandelt die unterschiedlichsten Schülerinnen und Schüler gleich. Die Fächergruppe Ethik/Religion nimmt dagegen durch ihre Angebotsvielfalt die unterschiedlichen Prägungen der Schülerinnen und Schüler ernst. Gleichgültig ob Christ, Jude, Moslem oder Atheist, die Schülerinnen und Schüler werden so ernst genommen, wie sie sind.

(7 Argumente Pro Reli)

Liest man sich die restlichen Argumente durch, bleiben Fragen offen, nämlich danach, ob der Religionsunterricht wirklich „bessere“ Werte vermitteln kann, als Ethikunterricht. Leider lesen sich die Argumente recht schwammig und auch wenn ich es begrüßen würde, wenn man zum Beispiel Moslems mehr Toleranz gegenüber Juden vermitteln würde, weiß ich nicht wie man Religionsunterricht so gestalten könnte, dass es sich von Ethik, wie ich es mir vorstelle, unterscheiden würde, ohne eine Position einzubeziehen.

Aber es gibt ja noch die Seite, die gegen die Einführung von Religion ist:

Ein Wahlpflichbereich Religion/Ethik würde den beiden großen christlichen Kirchen eine privilegierte Stellung gegenüber allen anderen religiösen und weltanschaulichen Gruppen einräumen. Die reale multireligiöse Situation würde auf die Wahlmöglichkeit christlich oder staatlich verengt. Die Schülerschaft, die darauf angewiesen ist, auch in der Zukunft, gemeinsam auf einem ethischen Grundkonsens unsere Gesellschaft zu tragen, würde aufgeteilt, anstatt gemeinsam zu lernen und zu diskutieren.

Ein Argument mehr, nämlich 8, haben diejenigen, die sich gegen Religion als Pflichtfach aussprechen. Leider sind die Argumente genauso schwammig und die Seite ist auch hässlicher.

Mir stellt sich danach die Frage, ob der Religionsunterricht tatsächlich so aufgebaut werden soll, dass den ganzen Moslems, Juden, Pastafaris und Atheisten die Streitgrundlage genommen wird, indem man ihnen einfach das Christentum aufdrückt. Wenn ich mich an meinen Religionsunterricht zurückerinnere, fallen mir zwei Pfarrer ein, die weltoffen und vollkommen neutral blieben, was mich bis heute beeindruckt, denn sie hatten wirklich keinen guten Stand: Von knapp 25 Schülern waren zwar 8 katholisch, 6 evangelisch, 3 Moslems, 1 Zeuge Jehovas (die sich heimlich in den Unterricht setzte) und 7 Ungetaufte, aber allesamt große Zweifler was die Existenz eines persönlichen Gottes. Und doch: Uns wurde nichts aufgedrückt, sondern nur nahegebracht, an was der gemeine Christ von heute glaubt. Ungefähr so interessant, als würde man 90 Minuten lang Geschichten von Stephen King zuhören!

Nachdem ich gerade beide Seiten unter die Lupe genommen habe, stelle ich mir immernoch die Frage, ob Religionsunterricht Pflicht sein sollte, oder nicht. Rückblickend, an meine beiden Religionslehrer denkend, sage ich mir: So einfach war es nie wieder eine 1 auf dem Zeugnis zu bekommen! Außerdem mag man ja über den christlichen Glauben denken, was man will, aber die Geschichten in der Bibel sind wirklich amüsant bis gruselig. Kann ich sehr empfehlen!

Der Atheist stellt sich ganz andere Fragen: Wieso soll der Staat die Aufgabe der Kirche übernehmen, ihre Inhalte zu vermitteln? Können wir irgendwann mit GEZ-Unterricht rechnen? Was will Religionsunterricht vermitteln, was der Ethikunterricht nicht aufgreifen könnte? Wenn man Michael Schmidt-Salomon Glauben schenken mag, glauben sowieso nur noch 22% der Protestanten an einen persönlichen Gott – warum soll also der Glaube daran „aufgezwungen“ werden; Immerhin überschneiden sich viele Werte mit denen der Christen – was soll also sonst „beigebracht“ werden?

Momentan ist Religionsuntericht freiwillig – wer nicht hingeht, wird schon seine Gründe haben, die vielleicht daher rühren, dass das Thema nicht interessant genug ist. Wenn ich heute zur Schule gehen würde, würde ich freiwillig zum Religionsunterricht gehen. Jaja! Neben den interessanten Geschichten in der Bibel und meiner ausgeprägten Streitlust bleibt nämlich noch das wichtigste Argument für den Besuch: Know your Enemy!

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