Aus dem Anlass der Abstimmung über das Volksbegehren zur Frage der Zukunft des Religionsunterrichtes in Berlin habe ich mich entschlossen, auch den anderen Randgruppen auf dem Jahrmarkt der religiösen Eitelkeiten einen gewissen Platz einzuräumen. Immerhin habe ich schon mit den ein oder anderen diesbezüglichen Vertretern Erfahrungen gemacht.
Gerade vor einigen Tagen hätte man mal wieder eine Digitalkamera zur Hand haben müssen… Da hatten die Damen und Herren von der Scientologen-Front mal wieder den üblichen Stand für ihren Stresstest und die dazugehörige Dianetik-Fachliteratur aufgebaut, als sich direkt nebenan zwei als V maskierte Herren platzierten und den Pseudo-Thetanen Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht Scientology“ vor die Nase hielten. Soweit so gut, sie haben es trotzdem geschafft, Passanten aus dem Strom zu fischen.
Dabei ist es mir seit meinem Besuch im örtlichen Scientology-Hauptquartier eher unbegreiflich geworden, wie klar denkende Menschen überhaupt auf diesen Verein hereinfallen können. Ich hatte mich im Vorfeld auf wesentlich schwerere Geschütze eingestellt und erwartet, es mit psychologisch geschultem Personal zu tun zu bekommen. Doch weit gefehlt. Der (amerikanische) „Informationsfilm“ war lediglich synchronisiert und man kam nicht um die Frage herum, ob sich Scientology keinen Marketing-Fachmann oder Fachfrau leisten kann. Für die meisten deutschen Zuschauer muss es einfach befremdlich wirken, wenn ein glattgebügelter Dressmen durch allzu offensichtliche Pappkulissen marschiert, dabei (welch Zufall!!) immer wieder verschiedene ‚Offizielle‘ und andere ‚Beamte‘ trifft und diese über ihre jeweiligen Tätigkeiten befragt. Dass die Gespräche dabei in höherem Maße auswendig gelernt klangen als beim Kindertheater gab dem Ganzen natürlich den Rest.
Auch der Umstand, dass in fast schon penetranter Weise auf die ach so ungerechte Steuerpflicht der Organisation in Deutschland hingewiesen wurde („unzählige Urteile in den USA haben bestätigt, dass Scientology als Religionsgemeinschaft anzusehen ist. Nur in Deutschland…. blablabla“) erstaunte mich. Zumal der Aspekt des Gottesdienstes (eigentlich doch sehr typisch für Religionsgemeinschaften) gleichzeitig mehr oder weniger in einem Halbsatz abgearbeitet wurde. Was lernt der geneigte Zuschauer daraus? Richtig, es geht ums Geld. Selbstentlarvung in seiner simpelsten Form.
Daneben durfte auch ein Psychotest natürlich nicht fehlen. Dieser ergab, natürlich mit den gewünschten Antworten gefüttert, ein erschreckendes Bild: Ich habe ein sehr schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein, bin aber dennoch hochgradig egoistisch und, oh Wunder, mein Umfeld findet dieses Verhalten inakzeptabel. Ich bin reif für mein erstes Auditing. Die Frage, ob einer meiner Angehörigen irgendwann gestorben sei, konnte ich bestätigen. „Diesen Verlust siehst du hier“, bekam ich zur Antwort, verbunden mit einem willkürlich wirkenden Fingerzeig auf einen Abschnitt der ‚Psychokurve‘. „Nimmst du Drogen“, war die nächste Frage. „Nein, aber ich studiere Psychologie und stehe kurz vorm Diplom.“ Eieiei, ich entpuppte mich immer mehr als Inkarnation des Feindbildes…
Die anschließende Diskussion zog sich über Darwin („Du glaubst also wirklich, dass wir irgendwann auf Bäumen gesessen haben?“ – „Wer ist den WIR??? Menschen, nein. Unsere tierischen Vorfahren, ja.“) bis zu den Greueltaten der Psychiatrie. Die Dame wollte mir hochgeheimes und vor allem aktuelles Beweismaterial in Filmform natürlich nicht vorenthalten. Die Frage meinerseits: „Jetzt kommt die Lobotomie, stimmts?“ hätte ich mir eigentlich auch sparen können…
Alles in allem hat sich der damalige halbstündige Aufenthalt wirklich gelohnt um meine Vorstellungen von Scientology zu modifizieren. Im Prinzip wäre dieser ganze Science-Ficiton-Gedöhns-Ansatz vielleicht gar nicht so schlecht zum ‚Menschenfischen‘, aber wie es diese Organisation schafft, Menschen mit dem äußerlichen Charme einer Großbank (Marmorverkleidung an den Wänden und auf dem Boden…) für angeblich religiöse Inhalte zu begeistern, verwundert mich seither doch sehr.






Hey! Danke fuer diesen investigativen Artikel!
Ich hab auch schon immer mit dem Gedanken gespielt mal bei denen vorbeizuschauen und mich bequasseln zu lassen…
Interessant, macht aber auch deutlich warum denen seit Jahren die Mitglieder weglaufen, auch wenn sie stets anderes behaupten. Vielleicht missionieren sie in Deutschland deswegen so verzweifelt und penetrant, weil sie merken das immer weniger Leute auf ihren Schwachsinn reinfallen.
besonders schön fand ich auch die hohe ‚promi-dichte‘ in besagtem werbefilmchen… dabei sollte es doch mittlerweile ein offenes geheimnis sein, dass dort vip-center betrieben werden, zu denen das gewöhnliche 08/15-mitglied mitnichten zutritt erhält. aber selbst wenn… wen würde man dort treffen? genau: mr. cruise, mr. travolta und, taadaa, kirstey alley (die hat sogar abgenommen mit scientology). und wer könnte das schon wollen?
*lol* Hab mich köstlichst amüsiert, besonders als Du denen gesagt hast, Psychologie zu studieren. Leider hat die SO nicht nur solche witzigen Deppen in der Gegend stehen, sondern auch einige, die es wirklich schaffen, anfällige Menschen abzuschleppen und einzufangen. Und die werden eher über unauffälligere Geschichten an Land gezogen, zum Beispiel über die Handpuppen incl. anschließenden Seminaren… Oder getarnt als Menschenrechtler.
Viele Grüße und danke für den Artikel, einer von den woanders agierenden V‘lern :)
Anonymous approves of this sort of thing. You may commence.
Diese V-Maskenmänner sind aber auch ne Sekte für sich.
Die V-Fraktion bedankt sich recht herzlich für diesen Artikel!
„Richtig, es geht ums Geld. Selbstentlarvung in seiner simpelsten Form.“
Die Scientology Organisation hat es nur auf Expansion ausgehen, also richtig typisch für ein Wirtschaftsunternehmen.
Wenn sie downstats (keine ‚kunden‘ missionieren, etc) habn, gibts aufn deckel vom chef *lulz*
Das is unter andrem ein Grund weswegen sie so penetrant zu rekrutieren versuchn.
Im Grunde dient der schlechte Film auch als eine Art Filter. Scientology ist ja nicht daran interessiert, Leute zu rekrutieren, die Dinge zu leicht hinterfragen. Gesucht werden Leute, die entweder grundsätzlich oder zumindest temporär (weil gerade in emotional schwieriger Lebenslage) für die Propaganda aufnahmefähig sind. Diese emotional schwierige Lage wird in Scientology der „Ruin“ genannt. Durch das Gespräch wird versucht den wunden Punkt zu finden, in Deinem Fall ein verstorbener Angehöriger. Das ist natürlich ausserordentlich perfide, ist aber die Basis der Akquise von Neukunden.
Mehr dazu hier:
http://glosslip.com/2008/04/19/from-the-marketing-genuises-at-the-church-of-scientology/
http://www.pewid.ch/SCI/lerma.html