Ich zitiere…

mal-zitiert
Mit Grauen stelle ich immer wieder fest, dass Sozialpädagoginnen, Bastelshop-Besitzerinnen, Heilpraktikerinnen und besonders Kindergärtnerinnen ständig mit Zitate um sich werfen, wenn sie der Welt etwas mitzuteilen haben. Da gibt es zu jeder Lebenslage irgendetwas schlaues, was man aus der Vergangenheit ausgraben und in Comic Sans der Welt um die Ohren hauen kann.
(Tatsächlich habe ich mich sogar mit der Kleinen geprügelt, als sie ein berühmtes Zitat von irgendeinem berühmten Menschen aus einem ganz bestimmt berühmten Jahrhundert, verwenden wollte, um unsere Hochzeitseinladungen zu garnieren. Deswegen habe ich ein Zitat aus Disney’s „Anastasia“ verwendet.)

Für mich gibt es mit Abstand nichts fremdschämigeres, als die Einstellung Tiefsinnigkeit in einer untiefsinnigen Lebenssituation vorzutäuschen, in dem man einem toten Dichter das Reden überlässt, um das auszudrücken, was das schwere Herz der Welt mitteilen möchte. Die Tatsache, dass jemand seine Einfallslosigkeit mit einem Zitat wegwischen möchte ist ja allein nicht so schlimm, als dass es sich darüber aufzuregen lohnen würde (wobei…). Schlimmer noch ist der nachdenkliche Gesichtsausdruck dabei, wenn man mit erhobenen Finger einen alten Dichter zitiert, in der Hoffnung jemand in der näheren Umgebung spitzt die Lippen und unterstützt die eigene List Schlauheit vorzutäuschen, mit einem immer lauter werdenden „Ooouuuuhhhh!“.

Man kann meine Einstellung zu Zitaten aber auch in einem einzigen Satz zusammenfassen, den ich mal auf Facebook gelesen habe. Ich zitiere:

Wer einen ganzen Abend nur mit Zitaten füllt, hat keine eigenen Ideen zur Zukunft.

Vielen Dank.
Weitermachen.

7 Antworten auf „Ich zitiere…“

  1. „Ein Zitat ist besser als ein Argument. Man kann damit in einem Streit die Oberhand gewinnen, ohne den Gegner überzeugt zu haben.“
    Gabriel Laub

    oder eben:
    „Ohne Schnurrbart ist ein Mann nicht richtig angezogen.“
    Salvador Dali

  2. Zitate sind nicht generell schlecht.

    Wenn jemand etwas schon treffend formuliert oder auf den Punkt gebracht hat, kann man es in einer geeigneten(!) Situation durchaus zitieren.

    Warum das Rad zweimal erfinden?

  3. Ich verdamme sie ja nicht generell. Wenn es passt, kann man ja ruhig zitieren, aber wenn Zitate berühmter Dichter inflationär gebraucht werden, um über seine Einfallslosigkeit hinwegzutäuschen (siehe Einladungen jeglicher Art, Flyer für Homoöpathenzubehörshops und Internetseiten semitalentierter Hobbypsychologen…), kriege ich Gänsehaut.
    Aber nicht die gute.

  4. Da hast du Recht.

    Die Verwendung irgendwelcher, meißt schnell zusammengesuchter, oft kitschiger, Zitate bei Hochzeitseinladungen habe ich auch nie verstanden.

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