Das Tagebuch des Marathon-Mal

berlin-marathon-09

Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich mich an den Rand eines Marathons stellen und wildfremden Menschen zujubeln würde, hätte ich nicht einmal mit der Augenbraue gezuckt. Sport zugucken ist doof und nur für diejenigen, die zu faul sind selber zu laufen. Was bringt es irgendwelchen Idioten zuzujubeln, die sich selber quälen, um knapp 42km zu laufen? Zu laufen! Das muss man sich mal vorstellen. Kann man sich nicht vorstellen…

Dann kam Besuch aus Braunschweig. Kurze Zeit später verloren wir den Kontakt zur einen Hälfte, die irgendwo bei Kilometer 21 ausstieg und bei Kilometer 40 auf uns warten wollte. Notgedrungen musste ich mich also mit diesen Idioten abgeben, die bereit sind einen schönen Sonntag damit zu verbringen sich an den Rand einer Sportveranstaltung zu stellen, um irgendwelchen noch größeren Idioten zuzujubeln, die sich selber schinden.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis ich jubelnd, klatschend und fremde Vornamen brüllend am Rand stand und diesen bewundernswerten Menschen Kraft zu spenden versuchte. Anstatt einen möglicherweise halbtoten Freund zu finden, stand ich an der Leipziger Straße bei Kilometer 40 und klatschte in wildfremde, verschweißte Hände, jubelte Christin, Marco und Stefanie zu – Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und vermutlich nie wieder sehen werde, aber die für wenige Sekunden meine großen Helden waren. Da flossen sie hin, meine Prinzipien.

Rückblende-Optik bitte hier einfügen:
Vor drei Wochen manövrierte die Kleine mich in eine Bredouille, als sie einem Kommilitonen versprach, dass ich Ende Oktober an einem 10Km-Lauf teilnehmen würde. Zuerst wollte ich widersprechen, dann einfach verdrängen, aber irgendwie ließ es mich nicht los, der Gedanke, dass 10 Kilometer zu laufen irgendwie zu schaffen wäre und wenn ich ehrlich bin: Momentan könnte so ein Erfolgserlebnis über kleinere und größere Krisen, die das Leben so mit sich bringt, hinweg helfen. Und bevor ich meine Meinung ändern konnte, hatte ich meine ersten eigenen Laufschuhe und die ersten eigenen 2 Kilometer im Volkspark Friedrichshain mit Ach und Krach und mehreren Geh-Pausen hinter mich gebracht.
Das war vor drei Wochen.

Nach drei Wochen (insgesamt 9 Trainingseinheiten) habe ich es tatsächlich geschafft knapp 5,5 Kilometer in 40 Minuten zu laufen. Zwar mit Gehpausen zwischendurch, aber die Hälfte der zu schaffenden Strecke habe ich wohl geschafft. Dann kam der Berliner Marathon und meine empathische Ader, die all diese Glückshormone aufsog, die diese Menschen verströmten.

Als ein ca 50-jähriger Mann 50 Meter vor dem Ziel stehen blieb, sich zu den Zuschauern drehte und ihnen zujubelte, so nah, dass ich von dem Leuchten in seinen Augen beinahe geblendet wurde, wusste ich: Das will ich auch. Ohne nachzudenken, versprach ich hoch und heilig der Braunschweigerin, die sich eigentlich darauf konzentrierte ihren verlorenen Ehemann wiederzufinden, dass ich nächstes Jahr mit ihr laufen werde, koste es was es wolle. Da war der Mund schneller als der Verstand.

Ich schwanke noch zwischen „Ich Idiot!“ und „Ich will das auch!“. Momentan tendiere ich noch zu dem kleinen, neidischen Gefühl, das ich den Läufern gegenüber hege und bevor es verschwindet verblogge ich es, um mich bis auf die Knochen zu blamieren, sollte ich es nicht schaffen: Bei dem nächste Berlin-Marathon bin ich dabei.

Und damit ich in einem Jahr sagen kann: „Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich an einem, Marathon teilnehmen werde, hätte ich gesagt: Eye said it before.“, fange ich gleich mal mit dem kleinen Marathon-Mal Tagebuch an.
Und das geht so:

Datum Strecke Km Zeit Spaß (1-10)
20.09.2009 „Lange Strecke Volkspark“
+ kleine Runde
3,5 + ca800m 25:10 + ca 3min 9

Ähnliche Beiträge: