Marathon-Mal und der Big Berlin

25-km-finish

Es wurde eine neue Kasse im Atelier eingerichtet, benannt nach mir. Sie nennen sie die „Wer sich selber mit voller Absicht verstümmelt, zahlt hier ein„-Kasse.
Das und lautes Kopfgeschüttel ernte ich von meiner näheren Umgebung, nachdem ich mich durch die 25km des Big Berlins gequält habe.

Dabei hatte ich mir so fest vorgenommen das Handtuch zu schmeißen. Es begann schon bei Kilometer sechs, als der zweite und dritte Powerriegel sich zu einem Powerklumpen im Magen verband welcher versuchte auf schnellstem Weg durch die Gedärme nach draußen zu schießen, soviel Power hatte der Klumpen. Rechtzeitig an Kilometer neun stand an einem russischen Denkmal ein einzelnes Dixie-Klo, das sofort von mir besetzt wurde. Die blanke Ironie: Zum Jahrestag der Befreiung der Nazis, strich ich ein Dixie-Klo an einem russischen Befreier-Denkmal braun an.

Ich verlor wertvolle Minuten, denn immerhin wollte ich doch pünktlich bei Kilometer 12,5 aufgeben. Ich nahm mir vor mit lautem Geschrei und Getöse das Feld zu räumen. Oder still zusammenzusinken, in der Hoffnung, dass möglichst viele Menschen Mitleid mit mir haben. Leider zog sich die Läuferschaft so weit hin, dass vor mir nur eine handvoll Menschen schlichen und hinter mir ein Nordic-Walking-Doppelpack in meinem Windschatten huschte. Die Knieschmerzen waren zwar kaum noch auszuhalten, aber vor diesen Walkern aufzugeben, wäre gleichbedeutend mit der totalen Niederlage, wie ich sie in meinem Leben wahrscheinlich nie wieder erlebt hätte. Kam also nicht in Frage.

Zwei Kilometer später klebten mir die zwei mittelalten Weiber immernoch am Arsch, aber dafür bekam ich nette Gesellschaft. Jemand klopfte mir auf die Schulter und fragte, ob alles ok wäre. Mein schmerzverzerrtes Gesicht war ihm scheinbar Antwort genug. So nickte er einmal kurz, schwieg angemessene zwei Sekunden lang und bot an mein Leidensgenosse zu sein. Es gibt sie immernoch: Diese Menschen, die einem innerhalb von Sekunden so sympathisch sind, dass man ihnen die ganze Lebensgeschichte erzählt. Ich beschrieb Henry in knapp 500 Metern mein halbes Leben und bekam dann weitere 500 Meter lang seine Geschichte zu hören.

Henry arbeitet bei der Dekra, als „Stickerverteiler“, wie er es nannte. Aber scheinbar muss er nebenbei Medizin studiert haben, denn weitere zwei Kilometer später schien er eine plausible Erklärung für meine chronischen Knieschmerzen zu haben (irgendetwas mit Wundflüssigkeit, Spritzen im Knie und ähnlich teuflische Sachen). Zwischendurch versuchten wir beide zu laufen, bis Henry nicht mehr konnte und ich glaubte den richtigen Laufstil gefunden zu haben, um mindestens weitere zwei Kilometer zu gewinnen. Ich verabschiedete mich und wünschte ihm Glück.

Die nächsten Kilometer wurden zur schlimmsten Folter meines Lebens. Aber aus irgendeinem Grund fand ich nicht den richtigen Moment aufzugeben. Entweder mangelte es am Publikum, oder an der geeigneten Stelle. Wer will denn schon irgendwo im tiefsten Westberlin, am Arsch der Welt, ohne Aussicht auf eine U-Bahn-Station stecken bleiben? Dann lieber weiter leiden.

Gegen Kilometer 21 fiel mir ein alter Mann auf, der ein paar Meter lief, ein paar Hundert Meter ging, um dann wieder ein paar Meter zu laufen. Da ich nun inzwischen der Meinung war, irgendwie ins Ziel zu kommen, nahm ich mir vor, wenigstens vor diesem alten Mann die Ziellinie zu überqueren. Ich lief in seinem Windschatte, um Kraft zu sparen. Und hier erlebte man ein perfektes Beispiel für die abweichende Selbstwahrnehmung von der tatsächlichen Fremdwahrnehmung. Während ich das Gefühl hatte, dass der Wind in den Ohren pfiff und ich kurz vor einem unfassbaren, weltrekordigen Sprint stand, sah die Welt ein langweiliges Rennen zwischen einer arthritischen Schildkröte und einer trockengelegten Schnecke.

Irgendwo gegen Kilometer 23 nahm ich meinen Mut zusammen und sprach den Mann an, um mich dafür zu bedanken, dass er mich mitnimmt. Ich erwartete von einem alten Tattergreis, der es noch einmal wissen wollte, lautstark zurecht gewiesen zu werden und dann Zeuge seines Herzinfarkts zu werden (dann hätte ich ihn immerhin vor der Ziellinie besiegt!), aber da irrte ich mich. Aus lieben Augen lächelte mich der Mann an und sagte, dass da nichts zu danken wäre. Seine Stimme war klar und deutlich und hätte er nicht hoch und heilig geschworen, dass er mit seinen 76 schon seit 50 Jahren Marathon läuft, hätten Augen und Stimme ihn glatt als Jungspund entlarvt.

Ich hängte mich einfach an ihn ran und quetschte ihn ein wenig aus. Immerhin liefen wir beide so langsam, dass niemand außer Atem kam und gut erzählen konnten. Ich fand es komischerweise unhöflich ihn nach seinem Namen zu fragen, was mich im Nachhinein ärgerte. Als nur noch ein Kilometer vor uns lag, musste er sich von der kurzen Laufphase erholen, während ich mich verabschiedete und ihm versprach im Ziel auf ihn zu warten.

Da war das Ziel. So nah und doch so schmerzhaft fern. Nur noch wenige Meter trennten mich von dem Eingang zum Olympia-Stadion. Schmerzhafte Gänsehaut machte sich breit, als ich das hohle Getrommel aus dem Tunnel hörte. Ich nahm mir vor bis kurz vor Ende des Tunnels zu gehen, um dann in das Stadion einzuhumpeln. Das sollte mein Moment werden! Die Kleine sollte inzwischen seit knapp einer halben Stunde auf mich warten und ich hoffte auf tausende Zuschauer, die für den Underdog aufstanden und meinen Namen riefen. Oh, was würde ich mich feiern lassen!

„Kommen Sie, nicht so faul, jetzt ziehen wir es durch!“ hörte ich hinter mir. Der alte Mann überholte mich in einem Tempo, als wären die letzten 25 Kilometer nichts, als Einbildung gewesen. Ich humpelte schneller, nahm Schwung auf und schrie vor Schmerz, als zwei glühende Messer sich durch die Knie bohrten. Der alte Mann hatte inzwischen einen Vorsprung von über zwanzig Meter. Ich versuchte den Schmerz zu ignorieren und setzt nach. 15 Meter… 10 Meter… 5 Meter… Als wir gleich auf waren, hielt ich sein Tempo. Die Schmerzen ließen langsam nach und ich merkte wie die Kräfte zurückkehrten. Als wir in das Stadion einliefen, waren die Ränge leer. Bis auf einen kleinen Haufen, auf Zielhöhe, stand niemand und rief meinen Namen. Dafür schrien die Kinder, Freund-Rafael und die Kleine umso lauter.

Ich hörte natürlich nichts, denn ich hatte das Intro des neuen Fanta-4-Albums auf volle Lautstärke gerissen. Man hört Trommeln, ein Beat und es wird über Gladiatoren erzählt, die in die Arena eintreten. Passender ging es nicht!

Nur noch zwei hundert Meter trennten uns vom Ziel, als der alte Mann aufeinmal noch schneller wurde. Inzwischen sprintete der Mann, als wäre er 40 Jahre jünger und gerade aus dem Bett aufgestanden! Ich checkte kurz die Knie – alles gut, kaum Schmerz – und setzt nach. Dann rief ich dem alten Mann zu, dass er es jetzt wohl wissen wolle und überholte ihn, kurz vor der Ziellinie.

Und auch hier wieder: Selbstwahrnehmung vs. Fremdwahrnehmung
Aber seht selbst:

Marathon Mal bei Youtube

6 Antworten auf „Marathon-Mal und der Big Berlin“

  1. Malcolm, ich bin Dir SO SO dankbar für diesen Blogpost, dafür, dass ich mit meinen Empfindungen und Erlebnissen an genau diesem Tag – wenn auch am anderen Ende der Republik – nicht alleine war, dass ich dem Team von „Fiege Logistics“ dafür dankbar sein darf, dass sie mich mit ins Ziel geschleppt haben, dass ich dem Redakteur der lokalen Presse noch mal für seinen Hinweis auf die Letztplatzierten auf die Schulter klopfe, dafür dass DU in Berlin eine Generation Mann vertreten hast, zu der ich mich zählen darf. Ich bin stolz auf Dich, mein Gladiator!

  2. Der Stalker ist zufrieden!

    Das liest sich ja wirklich dramatisch – für die Anzahl der geschilderten Schrecken warst du aber immerhin beim Halbmarathon gar nicht viel schlechter als beim letzten Mal.

    Nun trainiere fleissig weiter, bevor das fortschreitende Alter dich dazu zwingt den nächsten Lauf im Rollstuhl anzutreten. :D

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