Guttenbergs Fußnoten und Facebook (Update)

Update – 24.2. (siehe ganz unten…)

Was schreibt man über einen Politiker, der so offensichtlich betrügt, ohne ihn persönlich anzugreifen? Um ehrlich zu sein: Viel mehr als das und die Tatsache, dass er nicht wirklich lange bei seiner Meinung bleibt (Bombardierung von Zivilisten, Bundeswehrreform, Gorch Fock) weiß ich nicht über ihn. Oh doch: Er ist adelig. Whoopiedoo…

So ganz habe ich es nicht verstanden, also fragte ich fix bei meinen Facebook-Freunden nach. Die sind nämlich allesamt schlau und ich war mir sicher, dass irgendwer dabei sein muss, der den Guttenberg gut findet. Tatsächlich verstehe ich jetzt ein kleines bisschen mehr, was das Geheimnis um die Entrüstung seitens der Fans ist. Nachvollziehen kann ich es leider immer noch nicht:

Dominik schrieb mir:

Weil die Art und Weise, wie die Medien damit umgehen einer Jagd gleichkommen. Niemand bezweifelt, dass sein Verhalten beschissen war – aber die totale Demontage eines Menschen aus reiner Gier nach Views, Klicks, Lesern, Käufern oder sonstwas anstelle von Berichterstattung und Aufklärung sind voll daneben. Daher bin ich mir auch sehr sicher, dass die 190.000 Menschen dieser Gruppe – zu denen ich auch gehöre – aus ganz unterschiedlichen Intentionen dieses Statement abgeben. Warum man ihn mag? Tja. Ich mag ihn auch, dabei wähle ich niemals die CDU. Vielleicht, weil er durch seine Herkunft und so, wie man ihn erlebt einfach das Gefühl hat, dass er es ernst meint.


Argument Herkunft ist angekommen. Das mit dem ernst meinen habe ich nicht ganz so auf dem Schirm. Dazu unten etwas mehr.

Wühlt man sich nämlich vorher einfach mal ein bisschen durch die Kommentare der enorm erfolgreichen Gruppe „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg„, fällt mit Erschrecken auf, womit wir es hier zu tun haben. Da schreibt zum Beispiel Pit:

BITTE ABSTIMMEN!!!!! WIR MÜSSEN DEN HETZERN VON RTL ZEIGEN WAS SACHE IST!!!

Jörg sagt dazu:

Karl-Theodor zu Guttenberg ist und bleibt für mich ein Mann mit Doktor Tietel egal ob geklaut oder fehler ich hab nix gesehen er verdient ihn eh schon durch seine super Arbeit die er macht !

Gerne auch immer wieder:

Dieser Mann ist mit Abstand der beste Politiker den die Politik im Moment hat!

Jetzt könnte man meinen, dass ich mir gerade die schlimmsten ausgesucht habe. Aber mitnichten! Solche Aufrufe wechseln sich mit Zitate aus der Bibel („Wer ohne Sünde ist, der…“) und DSDS-artigem Gerotze ab („Ihr seid doch bloß neidisch!“). Das Niveau ist gruselig bis unverschämt. Man hat das Gefühl sich inmitten eines Justin-Bieber-Konzerts zu befinden: Wer es wagt etwas gegen KTvBieber zu sagen, wird von rosigen Zahnspangen zerfleischt.

Warum ist Guttenberg eigentlich „der beste Politiker“? Ich habe mir mal eine halbe Stunde Zeit genommen und bin kurz über die Kommentare geflogen. Immer und immer wieder wird er als Politiker gelobt und es ist egal, ob er betrogen hat, oder nicht: Er macht einen tollen Job.
Aber nicht ein einziges Mal liest man was genau er für einen tollen Job macht. Nicht ein einziges Beispiel.

Stattdessen findet man irgendwann eine interessante Aussage, ganz weit unten. Und da kommt mir dann wieder die Frage von weiter oben: Was genau „meint er ernst“?:

Gerade hier, bei den erklärten Fans von „Deutschlands bestem Politiker“, einige hier wollen ihn ja gar als Kanzler sehen, erhoffe ich mir Erklärung für sein politisches Handeln, das mir – wohl fälschlicher Weise – oft als weitgehend konzeptlos erscheint, aber ich will gerne lernen. Mir stellte sich Herr v. Guttenbergs Handeln bislang so dar: als Wirtschaftsminister hat er bei der Debatte um die Opel-Subventionen seinen Rücktritt angeboten – und danach einfach weitergemacht. Den Luftangriff von Kundus nannte er erst angemessen, dann unangemessen. Den Kapitän der Gorch Fock nahm er in Schutz, dann feuerte er ihn. Die Wehrpflicht erklärte er für heilig, dann schaffte er sie ab. Sparen wollte er bei der Bundeswehr, jetzt heißt es, das sei unmöglich. Nur mal einige, aber zentrale, Beispiele…

Weiterhin sagt er:

Sicher hat hier jemand auch für diese Zeitabläufe und Geschehnisse in der Promotionsaffaire eine Erklärung, wenn nicht hier, wo dann: Am Mittwoch vergangener Woche nannte der Minister die Vorwürfe gegen ihn noch „abstrus“. Am Freitag räumte er „Fehler“ ein. Sagte aber ausdrücklich: „Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft anderer nicht kenntlich gemacht“. Nun ist alles anders, gestern bat die Uni Bayreuth sogar ausdrücklich, ihm den Titel abzuerkennen.

Was dann passiert, habe ich mal in einem Screenshot festgehalten. Wirklich schade, dass diese Kommentare in dem Wust von Vertrauensbekundungen der Guttenberg-Fans untergingen. Keine einzige seiner Fragen wurden beantwortet.

Aber zurück zu meiner Frage, die ich stellte. Ich bin nämlich wirklich daran interessiert zu erfahren warum die Leute so auf den Herrn Guttenberg abgehen und warum so ein gravierender Betrug nichts an seinem Lack abkrazt. Zum Glück muss ich bei Facebook nicht damit rechnen unqualifizierte Antworten zu bekommen:

Naja. Unabhängig davon, dass er wohl wirklich Mist gebaut hat, hatte das alles schon Züge einer „Hexenjagd“. Zunächst war es wohl kein Zufall, dass sich ein bekannt linker Professor aus Bremen eine 4 (?) Jahre alte Doktorarbeit aus Bayreuth, geschrieben von einem Liebling der CDU-Wähler, besorgt und diese dann nach Fehlern durchwühlt. (Hätte KT nicht geschummelt, wäre nichts gefunden worden. Das stimmt.) Und wenn man sich dann noch den Aufschrei der Medien ansieht (Anne Will hat sogar eine eigene Sendung zum Thema gemacht!), wars schon ein bisschen doll. Da werden in Lybien Demonstraten von Kampfflügzeugen bombardiert, aber Anne Will macht ne Sendung zum Thema zu Guttenberg?! Also: Kritik und Recherchen, ja und unbedingt. Aber dabei so das Augenmaß zu verlieren, war halt unnötig.

Da muss man dem Christian ein wenig Recht geben. Allerdings sehe ich es eher so, dass die Aufmerksamkeit auf wirkliche Brandherde einfach verstärkt werden sollten und nicht die Aufmerksamkeit auf Guttenbergs Plagiat abnehmen.

Diesen ungewöhnlichen Blogbeitrag möchte ich mit einem noch längeren Kommentar abschließen, der die Sache sowas von den Nagel auf den Kopf trifft. Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren einfach weiter erzählt. Ich halte einen Guttenberg-Fan nicht grundsätzlich für dumm und interessiere mich wirklich dafür, warum es so einen Hype um diesen Mann gibt. Soll heißen: Es gibt keine doofen Witze, wenn jemand sich als Guttenberg-Unterstützer „outet“.

warum ist ktg so beliebt?
er spielt medial geschickt mit seiner unabhängigkeit und seinem adelsgeschlecht (sinngemäß „ich bin in der politik, um meinem land zu dienen. ich bräuchte das eigentlich nicht.“). zudem ist er äußerst eloquent (was in zeiten von stoiber, steinmeier, seehofer, … definititiv nicht mehr zum grundsätzlichen in der politik gehört.
des weiteren ist er charismatisch, sieht sehr adrett aus, ist im boulevard sehr gut vertreten (die leise deutsche hoffnung nach einem „deutschen obama paar“ wird zumindest etwas gestillt). er ist, zumindest nach außen, anders als alle anderen politiker. das macht in so beliebt. man könnte sicher noch weitere gründe finden (bei der bundeswehrreform sieht es ja im moment ganz gut aus).

auf der anderen seite verlangt er bei anderen stets moralisch einwandfreies verhalten, fordert ehrlichkeit und aufrichtigkeit.
man müsse für sein verhalten gerade stehen.

aber genau das tut er im moment nicht.
er hat fehelr begangen.
aber das sind keine kavaliersdelikte. er kann, darf und soll mir nicht erklären, dass er „als familienvater, 6-7 jahre an der dissertation gesessen habe und irgendwann den überblick über seine quellen verloren hat.“. zumal er in einer ersten stellungnahme von „abstrusen“ vorwürfen gesprochen hat, die gegen ihn erhoben werden.
das ist eine lüge und das wusste er. und selbst wenn er nicht wusste, dann muss er das erst prüfen (lassen), bevor er sich soweit aus dem fenster lehnt.

zum thema „hetzjagd“: ktg ist ein politiker, der sich für den kurzfristigen erfolg, mit den boulevardmedien eingelassen hat. gerade mit den springer medien hat er mehr als gute kontakte (ich erinnere exemplarisch nur an den „titel“ „der nächste kanzler“, den ihn die bild verliehen hatte oder man muss ja auch nur mal bei bild den begriff guttenberg searchen. im grunde nur positive schlagzeilen).

wie dem auch sei. wer sich mit dem boulevard einlässt, muss wissen, dass es ihm in sonnigen zeiten sicher sehr hilft (kurzfristig). sobald sich aber die sonne mal etwas verzieht, kommen noch stürmerische zeiten auf einen zu, als normal üblich.
insofern sind es die geister, die er selbst rief.

man muss nicht gut finden, dass die gefallenen soldaten in afghanistan eher zu einer nebensächlichkeit verkommen sind als die „guttenberg affäre“. aber das ist kein spezifisches guttenberg problem.

zudem analysieren ja auch seriöse medien, die vorwürfe.
so kann man u.a. bei spiegel oder der sueddeutschen auch konkret die jeweiligen stellen sehen. sie stehen offensichtlich für jedermann objektiv zur verfügung.

und, wie bereits schon angedeutet:
guttenberg hat in diesem fall gegen seine eigenen ansprüche agiert. er hat bewusst betrogen. wir reden nicht von einzelnen zeilen, sondern von zahlreichen(!) textpassagen, die hier nicht gekennzeichnet wurden! und der vorwurf, mit dem „linken professor“ bewegt sich rtl 2 zuschauer niveau. ganz ehrlich. warum wird nun der spies umgedreht und der „täter“ zum „opfer“ gemacht werden. da ist nichts erlogen, sondern es wurden fakten (!) aufgezeigt!

zumal, hätte das dieser professor nicht aufgedeckt, wäre es zeitnah von jemand anderem berichtet worden. es gab ja schon nichtveröffentlichte aufsätze, genau zu diesem plagiatsvorwurf an guttenberg. da kann man dann auf keinen fall von „politisch motiviert“ reden. nicht, dass ich guttenberg hier völlig auseinander nehmen will. ich finde sogar, dass er durchaus frischen wind in den politischen alltag bringt. aber wer hohe ansprüche an seine mitmenschen (und politischen weggefährten) stellt, der muss solche ansprüche auch an sich stellen und danach auch handeln.

wäre er zurückgetreten, wäre er in wenigen tagen der „große held“, vielleicht sogar eine moralische instanz geworden (siehe käsmann). er ist noch jung. in 3 bis 5 jahren hätte er auch wieder auf die große politische bühne zurückkehren können (wenn auch wahrsch nicht als kanzler). aber die chance ist nun verpasst (auch dank halbherziger und offensichtlich nicht ernst gemeinter entschuldigungen).

Danke Hannes, für das erleuchtende Abschlusswort!

P.S.: Guttenbergs Opa schrieb 1971 ein Buch, mit dem einfachen Namen: „Fußnoten“ – via
Das nur mal nebenbei…

Spiegelfechter über die BILD-Kampagne Pro-Guttenberg. Besonders interessant: Wer hat eigentlich die Gruppe gegründet?

Der Gründer dieser Facebook-Gruppe, die momentan über 250.000 Unterstützer hat, ist dabei für die BILD kein Unbekannter. Ins Leben gerufen wurde die Gruppe vom 29jährigen Erotik-Unternehmer Tobias Huch.

Tobias Huch gehört zu den Lieblingen der BILD-Zeitung. Er wird dort wahlweise als Datenschützer, Experte, Erotik Millionär, YouPorn-Retter, Internet-Guru, Daten-Experte, Internet-Experte, Internetpionier, Erfolgsproduzent, IT-Legende und Medien-Mogul gefeiert und ist für die BILD auch der erste Ansprechpartner, wenn es um Netzthemen geht. Doch BILD berichtet nicht nur über Huch und zitiert ihn als Haus-Experten – man hat auch in mindestens einem Fall bereits zusammengearbeitet

4 Antworten auf „Guttenbergs Fußnoten und Facebook (Update)“

  1. Mmmh, kürzlich einen schönen Vergleich zur (Facebook)Unterstützergruppe KTGs und der Tea Party Bewegung um Sarah Palin gelesen.
    Interessanter Ansatz … je mehr die Ikone angegriffen wird, desto enger scharren sich die Anhänger um ihren Star und fallen laut tösenden in den anschwellenden Bocksgesang ein, um Kritiken/Fakten/Meinungen zu übertönen.

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