Fahrräder & ich


cc OO7fish

Ich werde bei einem Fahrradunfall ums Leben kommen. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich es gut finde, zu wissen wie ich sterben werde. Ich meine, ich kenne das Datum nicht. Da ist jetzt wenigstens ein Teil der Überraschung noch drin. Aber ich kenne die Ursache: Ich werde auf einem Fahrrad sterben.

Die Theorie kam mir vor ca 18 Jahren, als ich das letzte Mal von meinem ersten Fahrrad, einem BMX, flog und mir überall Schotter reinraspelte, wo Schotter nicht hingehört. Bis auf ein paar Narben und die Demütigung, dass meine Mutter mich mit 14 noch einmal nackt sah, als sie mir die kleinen Steinchen aus dem Körper puhlte, habe ich nichts mitgenommen. Narben, Demütigung und dann noch die Theorie, dass ich bei einem Fahrradunfall sterben werde.

Damals kam es mir ein bisschen albern vor, aber meine Theorie verdichtete sich, als ich ein paar Wochen später auf derdiedas BMX stieg. Mein BMX hatte, wie ich, nur ein paar Narben davongetragen, aber auch seinen Sattel verloren. Aus dem Rahmen ragte nur noch ein spitzer Metallstumpf. Meine Eltern wollten mir kein neues Fahrrad kaufen, da das Geld knapp war. Außerdem war meins ja noch gut! Immerhin musste man nur den Metallstumpf entfernen und durch einen richtigen Sattel ersetzen. Kam gar nicht in Frage, dachte ich mir und so verlegte ich meine BMX-Karriere vom Racing zum Freestyle. Angefangen bei einem Sprung von einer Tischtennisplatte. Sollte ja wohl das kleinste Problem sein das Miststück bei diesem Sprung endgültig zu töten und damit den Weg für ein neues Fahrrad zu bahnen.

Leider rechnete ich nicht damit, dass ein neues Fahrrad das Letzte war, was mir vergönnt werden sollte. Immerhin sollte ich eines Tages bei einem Fahrradunfall sterben. Und so rutschte ich nach der Landung von der Tischtennisplatte ab und rammte mir den Metallstumpf so richtig schön tief in… das Bein.

Ich bekam mein neues Fahrrad. Allerdings nicht das was ich mir vorgestellt habe: Es war das alte Fahrrad meines Vaters. Ein paar Wochen später, schlitzte mir jemand die Reifen auf. Reifen geflickt, Glasscherbe reingefahren, Reifen tot. Neue Reifen gekauft, Bordstein zu hart genommen, Reifen wieder tot. So langsam verloren meine Eltern ihre Geduld und legten mir nahe vielleicht zukünftig die Strecken zu Fuß zurückzulegen.

Das tat ich dann auch, ganze drei Jahre lang, bis ich mit ein paar Freunden zum See wollte. Ich lieh mir ein Fahrrad und als wir beim See ankamen, war die Luft raus. Nur unter Mühe und Not konnten mich drei Freunde gewaltsam davon abhalten das Fahrrad in den See zu werfen. Mein Wutausbruch wurde nur durch meine alte Theorie besänftigt, dass ich ja bei einem Fahrradunfall ums Leben kommen werde. Kurz bevor ich aber sterben sollte, werde ich wohl jemanden damit beauftragen in die Vergangenheit zurückzureisen und mir das Fahrradfahren so madig machen, dass ich nie wieder auf ein Fahrrad steigen sollte.

Ein paar Jahre später kaufte ich mir doch noch ein paar BMX-Teile und baute mir wieder ein Kinderrad zusammen. Ein Freund wollte mir das BMX-Fahren wieder nahebringen, mit den Worten: „Geschwindigkeit ersetzt Kontrolle“. Was er damit meinte, wurde mir schnell klar: Während die ganzen Kinder sich mit erstaunlicher Geschicklichkeit über die Obstacles bewegten, raste ich mit todesverächtlicher Geschwindigkeit über die Rampen und Hügel. Aber mit Anfang 20 ist man keine 12 mehr und wenn Geschwindigkeit Kontrolle ersetzt, ersetzt Angst wiederrum die Geschwindigkeit. Das Ende vom Lied: Ein verstauchtes Handgelenk, blaue Flecke am Arsch und eine weitere Demütigung, von einem 12-jährigen ausgelacht zu werden, weil man in der Miniramp ganz ohne Fahrrad ein Salto hingelegt hat (um Sekunden später von einem herabstürzenden BMX tätlich angegriffen zu werden).

Zwei Jahre später kaufte ich mir mein erstes, eigenes neues Fahrrad. Ein schwarzes Mountainbike-Imitat, mit richtig dicken, geradezu unplattbaren Reifen. In den kommenden zwei Jahren sollte ich trotzdem drei platte Reifen haben, eine verknotete Kette(!) und eine 8 im Vorderrad. Als ich nach Berlin zog, vernachlässigte ich das Fahrradfahren, sowie die Theorie, dass ich durch ein Zweirad ums Leben kommen werde. Drei Jahre lang stand das Fahrrad im Keller, weil ich doch als Student kostenlos Bus&Bahn fahren konnte. Irgendwann kam die Kleine auf die Idee, dass es doch mal schön wäre mit dem Rad ins Grüne zu fahren. Erstaunlicherweise hatte das Rad nach drei Jahren im Keller zwei platte Reifen. Wer hätte nun das gedacht..?

Ich bin kein handwerklich begabter Mensch und die Tatsache, dass nur ein paar Meter von zuhause entfernt einen Fahrradladen ist, brachte mich auf die Idee die Schläuche dort teuer auswechseln zu lassen. Endlich konnte es wieder losgehen! Ich konnte das Fahrrad am nächsten Tag abholen und war sogar ein kleines bisschen aufgeregt. Voller Elan stieg ich auf das Zweirad und legte los. Nur leider rechnete ich nicht damit, dass die Kette nach all den Jahren so verrostet sein könnte, dass sie beim ersten Indiepedalentreten kaputt geht.

Letztes Jahr startete ich meinen letzten Versuch: Wer in Berlin wohnt, fährt Fixie oder Rennrad. Also kaufte ich mir ein gebrauchtes Schmuckstück mit Einhorn vorne dran und war bereit die wunderbare Welt des Hipstertums zu ergründen. Ich konnte doch nicht damit rechnen, dass der Zeitpunkt meines Todes durch Fahrrad, immer noch in der Zukunft lag und dass der Bikeinator alles daran setzten wollte mich vom Zweirad zu bringen. Nur wenige Wochen nachdem ich wie ein Wahnsinniger durch Berlins Straßen rasen sollte (ich kaufte mir sogar freiwillig ein Helm!), schlich jemand mitten in der Nacht auf den Hof und stahl meine Laufräder. Wie traurig ein Einhornrad ohne Räder ist, könnt ihr euch nicht im Entferntesten vorstellen.

Vor einem Monat kaufte ich mir endlich neue Räder, ließ sie montieren und ZACK!: Wer schiebt sein Fahrrad durch eine einzelne, kleine Scherbe, die sich so stark in einer Ritze verkeilt hatte, dass sie durch den Reifen piekste?
Richtig.
Ich.

Und wieder war ich kurz davor auszurasten und das Fahrrad durch das nächste Schaufenster zu werfen, wenn dieses Schaufenster nicht das eines Fahrradladens gewesen wäre. Ein Omen? Ich kaufte mir einen neuen Schlauch und war wenigstens kurz zufrieden.

Vor einer Stunde kam ich auf die Idee, dass es doch eine tolle Idee wäre einfach mal spotan den Schlauch auszuwechseln. Ganz alleine! So richtig mit schmutzig machen und allem drum und dran.

Aber ich werde bei einem Fahrradunfall sterben. Deswegen, und nur deswegen, brach das Ventil beim Aufpumpen des Reifens ab.
Da bin ich mir ganz sicher.

3 Gedanken zu „Fahrräder & ich“

  1. Und wo bitte ist im ganzen Bericht der nette kleine Stunt mit dem neuen BMX von der Logoform-Terasse (ca. Sommer 2004) und den tagelangen Folgen der Geschlechtsorganquetschung? … Ich dachte einen kurzen Moment schon damals an Dein nahes Ende, als Du atemlos im Grünen lagst.

    Hallo Malcolm, sei gegrüßt … !

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