Berlin – Hamburg – Dänemark – Kiel

Die letzten zwei Wochen in Zahlen:

758km bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Durchschnittsgeschwindigkeit: 18,7km/h. Am Anfang der Tour hatte ich 20kg Gepäck dabei. Am Ende ca 21,5 (WTF??). Wäre ich durchgefahren, hätte ich die Strecke in 40,5 Stunden geschafft. Ich habe 2,7kg abgenommen, 7 Käfer bei vollem Bewusstsein verschluckt und 3 platte Reifen, obwohl mir der Verkäufer vergewissert hat, dass mein neues Fahrrad unplattbare Reifen hat. Er ist sich auch ziemlich sicher, dass kein Fahrradmantel in sein Arsch passt. Auch das werden wir einer Prüfung unterziehen, wenn ich die Tage bei ihm aufschlage.
Außerdem hatte ich 2 Beinaheunfälle (natürlich unverschuldet), 5 Bundesländer, 1 weiteres Land (Dänemark) und 1 Vollbart.

Ich habe in den letzten zwei Wochen mit so gut wie keinem Menschen gesprochen, außer mit meinem Onkel, den ich nach einer Woche traf, um mit ihm die zweite Hälfte meiner Tour zu absolvieren. Nach der ganzen Bachelorzeit war es mal Zeit die Klappe zu halten und einfach zu funktionieren. Und zwar nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Körper. Eigentlich hatte ich vor, bis zu meiner Ankunft in Hamburg kein einziges Wort zu sprechen. Dass ich leider am Starttag viel zu spät losgekommen bin und damit hungrig, hat meinen Plan aufbröseln lassen. Nach anderthalb Stunden musste ich mir eine große Currywurst bestellen. Ab da wurde ich aber ruhiger. Sowohl verbal, als auch mental. Bis auf ein paar lautstarke Selbstgespräche („Den Hügel schaffen wir doch, oder?“ – „Fick dich! Bist du wahnsinnig? Das sind mindestens 13% Steigung!“ – „Ja und, sollen wir jetzt ganz zurü… Scheiße, du hast recht.“)

Jeder der hier einen ausführlichen Reisebericht erwartet und von mir hören will welche Strecke man fahren muss, um von Berlin nach Hamburg zu fahren, von Hamburg nach Dänemark rüberzumachen, dort in einer Kleinstadt mit unaussprechlichen Namen die weltbesten Hot Dogs zu essen, um dann nach Flensburg zu fahren, um anschließend an einem Tag nach Kiel zu radeln, dem sei gesagt: Verlasst euch nicht auf meine Wegbeschreibungen. Und verlasst euch bloß nicht auf Karten.

Ich bin kein guter Navigator. Zum Leidwesen der Kleinen mache ich auch sehr ungern Pläne. Und das ist auch der Grund, warum ich die ersten drei Tage einfach nach einem Kompass gefahren bin (Ok, zugegeben: Kompass-App des iPhones). Ich wusste, dass ich ziemlich doll nach links fahren musste und auch ein bisschen nach oben. Als das ganze Bergauf-Bergab-Gefahre nicht aufhörte, schaute ich dann doch auf die Karte. Ich hatte schließlich Angst im Schwarzwald gelandet zu sein. Es stellte sich aber heraus, dass ich die Sache ganz gut im Griff hatte und eines Tages erreichte ich die Elbe.

Meine rudimentären Erdkunde-Kenntnisse sagten mir aber, dass die Elbe Schlangenlinien macht und da jeder weiß, dass die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten eine gerade Linie ist, kam ich auf die Idee meine erste „Abkürzung“ zu konzipieren. Stolz erzählte ich auf dem traurigsten Campingplatz der Welt einem überheblichen Renter, der die Strecke Hamburg-Dresden schon mehrfach an zwei Tagen abgeradelt haben will („Also stell dich nicht so an!“). Er riet mir davon ab, wenn ich schon bei 8% Steigung und läppischen 20kg Gewicht nach einer Tagestour von lächerlichen 75km eine Pause bräuchte. Immerhin würde da eine Steigung mit 13% auf mich warten! Den würde ich nicht mal schaffen, wenn ich das Rad hochschieben würde.

Ich habe den Renter gehasst. Nicht nur, dass er ja alles besser konnte, als ich, nein: Er wollte mir auch noch vorschreiben, was ich nicht konnte. Ständig hörte ich das, in den letzten Wochen. Noch nie weiter als 15km am Stück gefahren? Bis nach Hamburg würde ich es nie schaffen. Mit einem kaputten Knie so weit fahren? Da kann ich froh sein, wenn ich es überhaupt aus Berlin schaffe. Mit dem Zelt? Na, viel Spaß!

Es fiel mir auch nicht schwer die Beschreibung des Weges wieder zu vergessen. Zu wirr kam sie mir vor. Hinterher kann ich sie blind tanzen! Es stellte sich heraus, dass 13% Steigung über 400 Meter ziemlich anstrengend aussehen. Also drehte ich um und fand die Strecke, die mir der Rentner zuvor beschrieben hatte: Nach dem Campingplatz in den Ort Tießau rein, rechts halten und runter an die Elbe. Da wieder links und die erste Straße wieder rechts, um am Ende der Straße wieder links zu fahren. Dort führt ein Weg lang, der irgendwann aussieht, als wäre er zuende, was er aber nicht ist! Obacht! Nein, es geht auch weiter, wenn nicht ganz zementiert. Eigentlich überhaupt nicht zementiert. Nicht mal Kieselsteine. Nach ein paar Kilometern kommt man unter einem Rohr vorbei, der Schotter in die Elbe wirft. Oder so. Kurze Zeit später hängt eine Weide über den Weg. Darunter muss man weg und dann immer weiter gerade aus. Irgendwann kommt man auf einen Trampelpfad (ein dickes Upgrade an Fahrgefühl, an dieser Stelle!), der dann auf einen Gehweg führt und dort wieder zurück auf die Straße. So in etwa.

Was soll ich noch über die Reise sagen..? Ich bin viel Fahrrad gefahren. Ich habe viel nachgedacht. Sehr viel sogar. Man macht kaum etwas anderes, wenn man stundenlang durch Felder, Wälder und über größere und kleinere Hügel fährt. Stellt euch das Ganze einfach ein bisschen wie das hier vor, nur mit einer deutscheren Landschaft, die übrigens meiner Meinung nach vollkommen unterschätzt wird!

Verirrt euch einfach mal! Setzt euch ins Auto, sattelt das Rad, zieht euch die Wanderschuhe an und lasst die Karten zuhause. Wenn ich in den letzten zwei Wochen eins gelernt habe, dann: Die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten ist nicht nur eine gerade Linie, sondern auch sterbenslangweilig. Das kann man übrigens auch auf das Leben an und für sich anwenden. Aber das ist eine andere Geschichte. Bis dahin müssen noch einige Katzenvideos, Lästereien und Stumpfsinn durch dieses Blog wandern.

Aber dann…

5 Gedanken zu „Berlin – Hamburg – Dänemark – Kiel“

  1. Wie ich schon bei G+ sagte: Meinen Respekt. Wollen tue ich sowas auch schon lange. Und werde es sicher noch gaaanz lange weiter wollen.
    Aber einfach mal machen. Beide Daumen dafür!

  2. Jetzt mal im Ernst für die Interessierten: Hast Du Dich darauf körperlich in irgendeiner Weise vorbereitet oder ab auf den Sattel und los gings?

  3. Ich habe mich tatsächlich kein Stück darauf vorbereitet, sondern bin einfach los. Und ganz ehrlich: Das kann wirklich jeder. Ich habe keine wirklich außergewöhnliche körperliche sportliche Leistung vollbracht, die nicht jeder, der normal fit ist, nicht auch hätte vollbringen können. Das einzige, was zählt, ist nicht aufzugeben, wenn es anfängt in den Beinen zu brennen, oder zu regnen. Einfach weitermachen.

    Ich spiele übrigens gerade mit dem Gedanken nächstes Jahr in zehn Tagen von Berlin nach Paris zu fahren. Dafür würde ich mich allerdings schon vorbereiten und jede Woche ein gewisses Kontingent an Kilometer zusammenfahren, um mich daran zu gewöhnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.