Der Tod des Klemmbrettmessias & ich

Dem Schrei des Hipster-Mädchens ging das nasse Klatschen von Fleisch auf Asphalt voraus. Ein Blutspritzer war auf ihr Jutebeutel gelandet, als ich den Arm des vermeintlichen Tierschützers fallen ließ und zufrieden mein Werk betrachtete: Reglos lag der junge Mann vor mir und dort wo bis vor wenigen Minuten ein dümmliches Grinsen zu sehen war, klaffte sein Klemmbrett aus dem aufgequollenen Fleisch.

Ein blondes, in etwa fünfjähriges Mädchen trat aus der applaudierenden Menge und sah zu mir hoch. Sie schien keine Angst vor mir zu haben, als sie mir einen Blumenstrauß überreichte. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war ein dankbares Lächeln.
Nach ein paar Minuten frenetischen Applaudierens löste sich die Menschenmenge auf und verstreute sich über den Alexanderplatz. Die übrig gebliebenen WWF-Vertreter, die ich mit einem zufällig bei mir geführten Spanngurt an eine Laterne gebunden hatte, zitterten in der Abendsonne. Jeder vorbeigehende Passant spuckte ihnen ins Gesicht und der Speichel vermischte sich mit den Tränen der 400 Euro Nervensägen.

Keiner von ihnen hatte damit gerechnet, dass der Tag so ausgehen würde. Mario malte sich eine goldene Zukunft als Unterschriftensammler aus und wer hätte es ihm verdenken können? Niemand hampelte so enthusiastisch vor einem Passanten wie Mario und zog dabei so lustige Grimassen, dass sogar die grantigsten Omas weich wurden. Er stieg schneller zur Speerspitze der Unterschriftensammler auf, als jemals ein Unterschriftensammler vor ihm. Die Headhunter von Amnesty International und den Malteser Hilfsdiensten waren auf ihn aufmerksam geworden und sogar die Dianetiker versprachen Mario eine große Karriere im Stresstest-Business.

Die Warnung seiner Kollegen kam zu spät. Mario war sich seiner Sache zu sicher, als er auf den beinahe zwei Meter großen Mann zuhüpfte, der mit finsterem Blick, riesigen Kopfhörern und Kapuze tief ins Gesicht gezogen aus dem Galeria Kaufhof schritt. Er sah auch das Blut am Revers meines Mantels nicht. Er hörte die warnenden Schreie seiner Kollegen nicht, die mich schon kennengelernt hatten; Hatte doch jeder von ihnen Erfahrungen mit mir, dem stadtbekannten Unterschriftensammlerhasser, gemacht. Mario sah die Gefahr nicht, sondern nur eine Herausforderung. Er verstand die Ablehnung nicht, als ich auf meine Kopfhörer zeigte und „Ich höre dich nicht“ nuschelte. Stattdessen machte Mario zuerst den Fehler zu rufen: „Dann nimm sie doch ab!“, um daraufhin den zweiten und letzten Fehler seines Lebens zu machen: Er stellte sich mir in den Weg.

Die Zeit schien sich ewig zu dehnen, als Mario mit seiner einstudierten Rolle des lustigen Unterschriftensammlerclowns fortfuhr und doch ging alles ganz schnell. Gerade als Mario den Eisbrecher bringen wollte, mit dem er bisher jeden knacken konnte („Wohin so eilig? Hast du nicht ein wenig Zeit für das Leben? Für dein Leben und das Leben der Tiere?“), spürte er einen starken Ruck, der ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen drohte. Marios Lächeln erstarb nicht einmal, als er seinen Blick nach links richtete und dort wo sich gerade noch sein Arm befand, nur noch ein Blut spritzender Klumpen zu sehen war. Er drehte den Kopf gerade noch rechtzeitig zurück in meine Richtung, um den Schwung seines von mir abgerissenen Armes mit seinem Gesicht abzubremsen.

Die untergehende Sonne spiegelte sich in den Fenstern des Hotels am Alexanderplatz und Mario war, als würde er ein leises Rufen hören. Die Stimme war betörend und lockte ihn immer weiter fort. Er spürte die Schläge nicht, die auf ihn einprasselten und hörte auch nicht die Menschenmenge um ihn herum jubeln, als ich das Klemmbrett in sein unverschämtes Grinsen rammte. Marios Geist war auf Reisen.

Es würde alles gut sein und Mario wusste: Wo er jetzt hinginge, würde jeder alles mit einem verzückten Lächeln unterschreiben. Er wäre der Messias der Unterschriftensammler. Er würde sein goldenes Klemmbrett in die Höhe halten und das Licht würde sich darin ebenso schön spiegeln, wie in den Fenstern des Hotels aus einem anderen Leben. Ein Leben, das unter tosendem Jubel dankbarer Passanten verblasste und erlosch.

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