„First Kiss“ ist also Werbung. Na und?

12.03.2014

Die Filmemacherin Tatia Pilieva hat mit „First Kiss“ über Nacht einen Hit gelandet. In nur zwei Tagen ist ihr Knutsch-Video über 21 Millionen Mal angeschaut worden und wie das so ist, mit viralen Videos: Es gibt diejenigen, die das Video lieben und die, die es hassen. Soweit, so profan. In diesem speziellen Fall sehen wir aber ganz besonders die Unterteilung der Hassenden in weiteren zwei Gruppen: Auf die eine Seite hassen diejenigen den Film, weil es ihnen einfach zu kitschig ist. Sei’s drum.
Auf der anderen Seite wüten Zuschauer herum, weil es sich nicht (nur) um Kunst handelt, sondern um bösartige WERBUNG!

Es sind also keine ausschließlich von der Straße gecastete, von Natur aus gut angezogene Fremde, sondern Schauspieler und Künstler, die sich wahrscheinlich vorher nicht gesehen haben und von einer Klamottenmarke ausstaffiert wurden. Na und? Nachdem findige Blogger diesen Skandal aufdeckten, war der Aufschrei groß: „Man hat uns verarscht!“ ist die Kernaussage. Ein Kuckucksei ins Nest gelegt, hat man. Unter dem Deckmantel der Kunst wurden Klamotten vorgeführt und damit auch der Zuschauer. Mit spitzen Fingern wird ein Rant nach dem nächsten geschrieben. Ich frage mich aber: An welcher Stelle wurde verarscht?

Wie vermutlich über 20 Millionen Menschen, die das Video zuvor gesehen habe, habe ich nicht im Gedächtnis behalten, wer denn nun dieses Video präsentiert. Wer erinnert sich an „WREN presents“, was in den ersten zwei Sekunden eingeblendet wird? Ich folge auch weder der Filmemacherin auf Twitter, noch der Klamottenmarke, sodass ich es auch hier nicht bemerkt habe. Herausgefunden habe ich es erst, als ich den Aufschrei auf Facebook las und noch diesen Artikel, der die Models aus dem Clip aufzählt. Und genau jetzt fange ich an mich für die Marke WREN zu interessieren.

Was ist das für eine Marke, die sich in ihrer Werbung zurückhält und in erster Linie Millionen Menschen unterhält, ohne sie mit ihrem Logo zu malträtieren? Eine Marke, die entweder so bekannt ist, dass sie es nicht nötig hat, oder eben eine Marke die etwas von guter Werbung versteht. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die Werbung an dieser Stelle versagt hat, weil man die Zuschauer eben in Unwissenheit zurücklässt und sie „nur“ unterhält. Das ist aber falsch. Man lässt die Zuschauer mit einem guten Gefühl zurück. Dazu gleich mehr. Ein schlechtes Gefühl haben höchstens diejenigen, die sich einfach nur unterhalten wollten und sich jetzt von einer Marke unterwandert fühlen, die etwas möchte: Geld verdienen. Aber warum ist das nochmal schlecht?

Geld kann man als Marke auf verschiedene Arten verdienen, aber wenn man so unbekannt ist, wie WREN, dann ist das Büdget vermutlich überschaubar groß und man kann keine Plakate aufhängen, die ignoriert werden können. Und darum geht es letztendlich diesen Menschen, die sich nun empören: Sie möchten weiterhin in der Lage sein Werbung zu ignorieren. Und das ist ein Problem. Ein Problem der Marken, das sie lösen müssen und niemand anderes. Leider verstehen die meisten Marken, Marketingfuzzis und Werber nichts davon und so werden wir Tag für Tag von Scheiße bombardiert, die kein normaler Mensch, der bei Verstand ist, ertragen kann. Kreativität ist nicht gefragt, weil es Arbeit bedeutet und Mut. Stattdessen wird viel zuviel Geld aus dem Fenster geschmissen, indem man den Menschen Werbung zumutet, die so unfassbar schlecht gemacht ist, dass sie ihr Ziel nur verfehlen kann. Also gibt man noch mehr Geld für Werbung aus, um sicherzugehen, dass man auch den letzten Schwachkopf erreicht hat.

Jetzt kommt aber jemand daher und hat eine gute Idee. Eine subtile Idee. Eine Form von Werbung, die gleichzeitig unterhält und die Bekanntheit einer Marke steigern kann. Nicht weil das Logo größer gesetzt wurde, sondern weil vielleicht darauf gesetzt wurde, dass jemand „herausfindet“, dass es Werbung ist und diese Botschaft verteilt. Am Ende bleibt bei den meisten Menschen dennoch das gute Gefühl, an das sie sich erinnern werden, wenn sie der Marke über den Weg laufen. Diejenigen, die sich „verarscht“ fühlen sind sowieso wertlos für diese Marke und interessieren nicht. Diejenigen, die trotz des positivem Gefühls nichts kaufen, sind es zwar aus finanzieller Sicht genauso, aber aus emotionaler Sicht nicht. Diese Menschen werden auch in Zukunft als Multiplikator dienen und andere, potenzielle Käufer erreichen.

Und das macht diese Werbung eben so gut.