Reich-Ranicki Archiv

Böses Fernsehen?

Nachdem ja hier und hier bereits das Thema Fernsehkritik angesprochen wurde… Vielleicht hätte sich der gute Marcel Reich-Ranicki vorher mal jemanden zur Brust nehmen sollen, der sich wirklich mit Sache beschäftigt hat und erkannt hat, daß die Gefahr ganz woanders lauert:

Mir macht der Unsinn im Fernsehen genausoviel Spaß wie vielen meiner Zeitgenossen auch, und ich weiß sehr wohl, daß die Druckpresse genug davon hervorgebracht hat, um den Grand Canyon bis zum Rande zu füllen. Das Fernsehen ist nicht alt genug, um sich in der Fabrikation von Unsinn mit der Druckpresse messen zu können.
Gegen das „dumme Zeug“, das im Fernsehen gesendet wird, habe ich nichts, es ist das beste am Fernsehen, und niemand und nichts wird dadurch ernstlich geschädigt. Schließlich messen wir eine Kultur nicht an den unverhüllten Trivialitäten, die sie hervorbringt, sondern an dem, was sie für bedeutsam erklärt. Hier liegt unser Problem, denn am trivialsten und daher am gefährlichsten ist das Fernsehen, wenn es sich anspruchsvoll gibt und sich als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften präsentiert. Paradoxerweise verlangen Intellektuelle und Kritiker vom Fernsehen häufig genau dies.

Neil Postman – Wir amüsieren uns zu Tode

Das Fernsehen verändert die Wahrnehmung an sich und das ist doch um einiges bemerkenswerter, als ein paar minderbemittelte Sendungen. Das wusste der gute Mann schon vor zwanzig Jahren…

Als Beispiel: Der 27. amerikanische Präsident, William Howard Taft, würde heute wohl keine Wahl mehr gewinnen. Das liegt nicht daran, daß sein politisches Vermögen verhältnismäßig schlecht gewesen war, sondern viel eher an seinem Doppelkinn und seiner Körpermasse von 2,5 Zentnern. Das Fernsehen setzt hierbei voll auf die visuelle Wahrnehmung ung wo folglich heutzutage wirklich die Prioriäten liegen, erfährt man dann bei SpOn

Mit Dank an Frau Scholli für den Buchtip

Reich-Ranickis Zorn in Farbe und mit Sound

Hat René aus Spreeblicks Kommentaren gefisht. Und während ich hier sitze und versuche dem freundlichen alten Mann vor uns zuzuhören, wie er knapp 30 fragenden Gesichtern versucht die wunderbare Welt der Heuristik so langweilig wie möglich nahezubringen, klemme ich mir meine Kopfhörer unauffällig ans Ohr, in der Hoffnung, dass mein Gesichtsausdruck reichlich interessiert aussieht.

Irgendwer muss mich zurückhalten, sonst stehe ich gleich auf und fange an zu applaudieren jemand könnte fälschlicherweise auf die Idee kommen, dass ich das, was da vorne passiert, nicht nur verstehe, sondern auch mit meinen Lachtränen in den Augen, für unterhaltsam erachte.


DirektZorn

Anschaupflicht. Sieht mir nach Fernsehergeschichte aus. Entweder das, oder der erste Platz der „100 peinlichsten Fernsehermomente“, die auf RTL von dummschwätzigen drittklassigen Komikern im Abendprogramm kommentiert wird.

Also, Freitag um 22:30 ZDF einschalten und zusehen, wie feiste Menschen in Erklärungsnot kommen, während sie von einem 88-jährigen auseinandergenommen werden.

NACHTRAG
Elke Heidenreich äußert sich in der FAZ.

Wie jämmerlich die dargebotenen Produkte und Arbeiten in der Mehrzahl waren, wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich. Wieso darf ein Simpel namens Atze Schröder da vorn seine Possen reißen? Wieso wird eine unterirdische Sendung wie „Deutschland sucht den Superstar“ zur Besten Unterhaltungssendung gekürt und gibt den Machern die Möglichkeit, frech zu sagen: Da seht ihr es, ihr intellektuellen Schreiberlinge, man liebt uns, und wir machen weiter?



Darf es am Ende etwas mehr Malcolm sein? www.fuenf-filmfreunde.dewww.kunstloses-brot.deeyesaiditbefore.tumblr.com